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Kapitel 11 |
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Sie schwiegen beinahe den ganz Weg nach San Quentin. Jensen steckte ein Kloß im Hals, der dicker wurde je näher sie ihrem Ziel kamen. Als sie endlich am Haupttor anhielten und um Einlass baten, wunderten sie sich über die vermehrte Präsenz der Wachposten. Auf dem Weg zu Triscals Zelle, wurden sie noch im Vorhof von einem Wachposten abgefangen, der sie bat ihm unverzüglich zu folgen.
„Was ist denn hier los?“ raunte Jared seinen Partner ins Ohr. Der hob die Schultern, „keine Ahnung, vielleicht hat Triscal den Aufstand geprobt oder so was in der Art.“ Der Direktor des Gefängnisses war ein untersetzter älterer Herr, dessen Haupthaar sich mit den Jahren zusehends gelichtet hatte. Er bedankte sich bei dem Beamten, stellte sich kurz vor und bat die Detectives sich zu setzen. „Verzeihen sie die Unannehmlichkeiten meine Herren“, entschuldigte sich Ralf Shapiro und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz, „kurz bevor sie hier eingetroffen sind hat es einen bedauerlichen Zwischenfall gegeben. Mr. Triscal ist verunglückt.“ Jensen runzelte die Stirn, Jared setzte sich auf und zupfte am Kragen seines Jacketts herum, „Welche Art von Unglück war es denn. Er hat sich doch beim Duschen hoffentlich nicht nach der Seife gebückt?" griente er. „Er ist die Stufen hinuntergefallen und hat sich das Genick gebrochen“, gab Shapiro emotionslos zurück, „äußerst bedauerlich.“ Jareds Grinsen gefror auf seinen Lippen. Jensen wusste nicht, ob er Luftsprünge veranstalten oder sich ernsthaft Gedanken über seine Zukunft machen sollte, deshalb erlaubte er sich nachzuhaken, „und es war nicht zufällig jemand in der Nähe, der ihm vielleicht dabei behilflich gewesen sein könnte?“ Shapiro schüttelte den Kopf, „das entzieht sich unserer Kenntnis. Als er gefunden wurde war er alleine. Laut Dr. Marko, unserem Gefängnisarzt, gibt es keinerlei Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung. Vielleicht kommt der Leichenbeschauer zu einem anderen Schluss, das gilt es abzuwarten. Bis zu diesem Ergebnis haben wir die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen, das dürfte ihren geschulten Augen nicht entgangen sein.“ „Sie haben doch sicher eine Videoaufzeichnung über diesen Unfall“, meinte Jared. „Leider passierte Triscals Unfall an einer Stelle, die nur unzulänglich von Kameras beobachtet wird. Man sieht gerade noch, wie er die letzten drei Stufen hinunterstürzt und reglos liegen bleibt.“ „Ihnen ist schon klar, dass es zu einer umfangreichen Untersuchung kommen wird“, Jensen blickte prüfend in Shapiros Augen, „falls sie hier „Hasch mich“ mit uns spielen könnte sich dies fatal auf ihre weitere berufliche Laufbahn auswirken.“ „Wollen sie unserer Anstalt etwa einen Mord unterstellen?“ das Gesicht des Direktors wurde puterrot, „passen sie auf Detective Ivory, das könnte leicht nach hinten losgehen.“ „Immer mit der Ruhe Shapiro“, mischte sich Jared ein, „niemand will ihnen oder ihrem Personal etwas unterstellen. Triscals Ableben kam zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die letzten Informationen, die wir von ihm erhielten, waren ein wenig undurchsichtig und wir wollten ihn eigentlich heute näher dazu befragen.“ Jensen warf einen kurzen Seitenblick auf seinen Partner, was quasselte Jared da für einen Quatsch? Dann begriff er, Jared hatte einen Köder ausgeworfen. Wenn Triscals Tod kein Unfall gewesen war, würde ihnen sicher bald jemand auf die Pelle rücken, um mehr zu erfahren. „Und jetzt würden wir Triscals Leichnam gerne selbst in Augenschein nehmen“, Jensen stand auf, „sofern es ihnen keine Umstände bereitet.“ Täuschte er sich oder begann Shapiro deutlich mehr zu transpirieren, als bei ihrer Ankunft? „Natürlich nicht, folgen sie mir bitte.“ Der Direktor führte sie durch ein Labyrinth von Gängen, blieb einmal kurz stehen und zeigte ihnen besagte Treppe. „Die Kamera ist in einem äußerst schlechten Winkel angebracht, ich habe bereits veranlasst, dass das geändert wird.“ Er räusperte sich, zog ein Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich die Stirn, „beim Hinausgehen händigt ihnen einer meiner Leute eine Kopie des Videos aus.“ Dr. Marko zog das Tuch, mit dem Triscal bedeckt war, zurück. Er sah aus, als würde er schlafen. An der linken Schläfe befand sich eine hässliche Platzwunde. „Wenn er sich nicht das Genick gebrochen hätte, hätte ihm die Verletzung sicher den Rest gegeben“, erklärte der Arzt, als er Jensens und Jareds interessierte Blicke bemerkte. "Unsere Stufen sind nun mal aus Stahl und nicht aus Gummi.“ Die beiden nickten stumm und bedeuteten ihn, Triscal wieder zu bedecken. „Wir haben seinen Transport zum Leichenbeschauer bereits veranlasst“, ereiferte sich Shapiro, „ich hoffe, wir haben uns damit nicht in ihre Agenden eingemischt.“ Jensen schüttelte den Kopf, „das geht schon in Ordnung. Sie sollten sich allerdings warm anziehen. Unser Chief hat die üble Angewohnheit sich bei solchen Anlässen in einen Pitbull zu verwandeln und in die Sache zu verbeißen.“ Shapiros Versuch zu Lächeln, verlief ein wenig unglücklich. Die Detectives verabschiedeten sich. Am Ausgang bekamen sie, wie versprochen, eine Kopie der letzten Sekunden in Triscals Leben. Sie gingen zu ihrem Wagen, fuhren in die Stadt und setzten sich in ein mexikanisches Restaurant. „Unverhofft kommt oft“, sagte Jared und stürzte sich mit Heißhunger auf seine Enchiladas. Er nahm einen Bissen in den Mund und sprach ungeniert weiter, „ich denke nicht, das Triscal freiwillig nen Abflug gemacht hat. Ausgerechnet jetzt, wo er dabei war, auszupacken?“ Jensen stocherte, einmal mehr, lustlos in seinem Chili herum, „meine Rede Sportsfreund. Wären wir noch zehn Minuten länger geblieben wäre Shapiro zerflossen. Er weiß mehr, als er sagt und er macht den Eindruck, als hätte er die Hosen gestrichen voll.“ Jared nahm einen Schluck Corona aus der Flasche und rülpste herzhaft, „’tschuldige, aber ich brauch das. Sonst muss es nachher hinten raus und das ist weitaus unangenehmer. Vielleicht hat irgendwer von unserem Department die Finger im Spiel.“ Jensen konnte nicht umhin und musste grinsen. Jared konnte manchmal so herrlich unkonventionell sein. „Ich denke nicht, dass es ausgerechnet jemand aus unserem Department sein muss, hier hat jemand aus der Oberliga seine Finger im Spiel.“ „Vielleicht Helens Ex-Verlobter, dieser Anwalt“, schlug Jared vor, „ich hasse diese Kerle mit ihrer aalglatten Fassade, die sind selten aufrichtig.“ Jensen versuchte seine, ohnehin bestehende, Antipathie gegen Lester Durban nicht in diesen Gedankengang einfließen zu lassen, „Lester als Mastermind hinter Triscal, schon ein wenig pervers, findest du nicht?“ „Ich spinn ja nur so vor mich hin“, gab Jared kleinlaut zurück, „aber du musst zugeben so mit Kapuze und ganz in schwarz, das würde voll auf Durban passen und dann noch ein paar SM-Spielchen mit Jungfrauen. Mir gefällt die Idee von Minute zu Minute besser.“ Er zwinkerte Jensen zu, verschlang den letzten Bissen und strich sich genüsslich über seinen Bauch, „das war verdammt gut. Könnte glatt noch eine Portion vertragen.“ „Auf keinen Fall, sonst nehme ich mir einen Mietwagen und den stell ich dir dann in Rechnung“, schoss Jensen lachend zurück. Die nächsten Tage verliefen ereignislos. Die beiden jungen Leute blieben weiterhin verschollen und es gab auch keine neuen Entführungen, zumindest keine, die der Polizei bekannt waren. Die Auswertung des Videos über Triscals Sturz hatte ebenfalls keine neuen Erkenntnisse geliefert. Das Licht war miserabel, ebenso wie die Bildqualität. Jensen und Jared dachten gerade darüber nach, ob das alles zusammen wohl die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm sein könnte, da tauchte Dr. Warren unvermittelt im Büro auf. Jareds Augen begannen sofort zu leuchten. „Hallo, welch seltener Gast in unserer bescheidenen Hütte“, er war aufgesprungen und bot ihr gleich seinen Platz an, „vielleicht noch einen Kaffee und Muffins?“ Sie gähnte, „nein danke, das einzige was ich im Moment brauchen könnte, wäre eine Mütze voll Schlaf, doch ich schätze damit können auch sie nicht dienen. Die Leichenhalle geht über und wir haben eindeutig zu wenig Platz und Leute, um das alles zu bewältigen. Wir mussten bereits um Verstärkung aus zwei anderen Staaten bitten.“ Ihre müden Augen rührten Jareds Herz, „ich könnte ihnen unser Notbett im Aufenthaltsraum anbieten. Ich würde sie auch eigenhändig zu decken und…“ Sie hob die Hand, „danke Detective Ebony, es fällt mir auch schon, ohne ihre unlauteren Angebote, schwer, mich zu konzentrieren. Eigentlich bin ich gekommen, um ihnen zwei Dinge zu berichten“, sie gähnte erneut, „entschuldigen sie bitte. Also, hier habe ich die Akte von Triscal. Er starb tatsächlich an einem Genickbruch. Allerdings ist da noch die Verletzung an der Schläfe, passierte vorher. Es könnte ihm jemand eine verpasst und ihn dann die Stufen hinuntergeworfen haben. Ausschließen kann ich das nicht. Schwer zu sagen. Genauso gut könnte er sich den Kopf auch im Fall gestoßen haben.“ Sie legte die Akte auf den Tisch und nahm die zweite zur Hand. „Der Anschlag in der Union Station wurde tatsächlich von einem Selbstmordattentäter ausgeführt. Haltet euch fest. Anhand von diversen Überresten und Beschreibungen sowie den Auswertungen des Bildmaterials konnten wir ihn ermitteln. Es war Jasper Foreman.“ Jensen meinte sich verhört zu haben, „etwa DER Jasper Foreman, der vor knapp zwei Jahren spurlos auf dem Weg von der Schule nach Hause verschwunden war? Man hatte damals vermutet, dass er auf Triscals Konto ging.“ Dr. Warren nickte und schwang leicht mit dem Bürostuhl hin und her, „genau der. Wir haben ihn eindeutig identifiziert.“ „Wo zum Teufel hat er bloß gesteckt und weshalb hat er nicht versucht, mit seinen Eltern Kontakt aufzunehmen?“ stellte Jensen die Frage laut in den Raum. „Vielleicht haben sie ihm gedroht, seiner Familie was anzutun oder ähnliches. Das ist eine gängige Praxis bei den Freischerlern“, meinte Jared, „vielleicht haben sie ihn auch einer Gehirnwäsche unterzogen. Was weiß ich….“ „Triscal wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, einen Bahnhof in die Luft zu jagen“, murmelte Jensen, „das ganze ergibt irgendwie keinen Sinn.“ „Was, wenn jetzt andere Regeln gelten?“ gab Dr. Warren zu bedenken. tbc
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Kapitel 12 |
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Die Anhänger der „Gefolgschaft des ewigen Lichtes“, wie sich Triscals wiederbelebte Gemeinschaft jetzt nannte, hatten sich in ihrem Unterschlupf versammelt. An die einhundert Personen jeden Alters und Geschlechts standen dicht gedrängt beisammen und warteten aufgeregt auf den Auftritt ihres Führers. Das Podest, auf dem er erscheinen würde, war in blutrotes Licht getaucht.
„Und nun ist es endlich soweit meine Brüder und Schwestern, begrüßt unseren Meister mit einem tosenden Applaus“, dröhnte eine enthusiastische männliche Stimme aus den Lautsprechern. Niemand wusste, wen sie da oben erwarten sollten. Triscals Tod hatte sich wie ein Lauffeuer in den Medien verbreitet. Alle Augen waren gespannt auf die, sonst schmucklose, Tribüne gerichtet. Und dann kam er. Ein Raunen ging durch die Menge. Die Leute wussten nicht, ob sie erfreut oder enttäuscht sein sollten. Triscal hatte sich ihnen gegenüber stets in seiner wahren Gestalt gezeigt. Er hatte nie ein Geheimnis um seine Person gemacht. Der neue Führer schien davon nicht viel zu halten. Er trug einen schwarzen Umhang aus Samt und eine goldene Maske, die sein Gesicht verbarg. Die Stimme, mit der er zu seinen Jüngern sprach, war Furcht einflößend und klang irgendwie blechern. „Meine lieben Brüder und Schwestern, es ist mir eine Ehre, euch von dem großen Erfolg unserer Reinigungsaktion zu berichten. Unser junger Freund hat tapfer sein Leben gelassen und konnte endlich zu seinem Schöpfer heimkehren, wo ihm jene Anteilnahme zuteil wurde, nach der er als Sterblicher vergeblich gesucht hatte. Noch nie zuvor in der Geschichte der Gefolgschaft des ewigen Lichtes haben so wenige so viel erreicht. Ich danke euch.“ Erneut setzte frenetischer Jubel ein. „Nun steh ich hier vor euch und frage euch: Seid ihr bereit, noch mehr Opfer zu bringen? Seid ihr bereit den Tod von Bruder Triscal zu sühnen?“ Viele der Anwesenden hoben ihre Fäuste und skandierten immer wieder Triscals Namen. Das freute ihren Führer, „ich bin zu Tränen gerührt, über soviel Mut und Entschlossenheit. Für die geplanten Aktionen benötigen wir einige freiwillige, ihr könnt euch nachher bei Schwester Horatia melden. „Ich will, ich will, ich will“, tönte es aus allen Ecken und Winkeln. Der Führer hob beide Hände und gebot seinen Gefolgsleuten Einhalt, „und nun lasset uns beten, um neue Kraft und darum, dass die von uns gegangenen nicht vergessen werden und eingehen können ins Paradies.“ Wie auf Kommando gingen alle Leute auf die Knie und lauschten andächtig den Worten ihres neuen Führers. Zur gleichen Zeit saßen Jensen, Jared und Joy zusammen mit dem Chief in dessen Büro und betrieben Brainstorming. „Ihr glaubt tatsächlich, dass dieser Anschlag von Triscals ehemaligen Anhängern ausgeheckt worden ist?“ der Chief blickte verkniffen in die Runde, „Leute zu entführen, Ziegenblut zu trinken, den Vollmond anbeten und hie und da ein Menschopfer, ist etwas ganz anderes als mitten in der Hauptgeschäftszeit eine Bombe in einer Bahnhofshalle zu zünden.“ „Gerade in Bezug auf das Wort Menschenopfer, ergeben sich bei so einem heimtückischen Anschlag ganz neue Aspekte“, bemerkte Joy, „vielleicht geht es ihnen jetzt um Quantität anstelle von Qualität.“ „Du meinst je mehr Menschen auf einmal tot umfallen, desto besser für die Gruppe?“ hakte Jared ungläubig nach. Joy nickte, „so in etwa.“ „Das, das ist doch völlig absurd Leute. Wer sollte aus einer Gruppe von mehr oder weniger harmlosen Spinnern, tödliche Killermaschinen machen?“ „Eine starke Persönlichkeit, mit großer Überzeugungskraft und leicht manisch-depressiven Zügen“, warf Jensen ein und streckte seine langen Beine unter dem Tisch aus. „Du sprichst jetzt aber nicht von dir?“ neckte Jared. „Haha, sehr komisch“, schnappte Jensen, „Triscals Tod hat die Gruppe sicher noch mehr zusammengeschweißt. Ihr geliebter Anführer wurde von dem System, dass sie hassen, zur Strecke gebracht.“ Joy nickte beipflichtend, „Triscals Tod war, wie wir wissen, kein Zufall und außer, dass er uns nichts mehr verraten konnte, hat sein unerwartetes Ableben seinen Leuten nur bewiesen, was mit jenen Leuten passiert, die sich gegen das System stellen. Sie werden von ihm überrollt, wie eine Dampfwalze.“ „Aber Triscal starb doch nicht durch die Hand eines Polizisten“, meinte der Chief und wischte sich mit einem Taschentuch nervös die Stirn. „Ihnen ist völlig egal, WER Triscal letztendlich am Gewissen hat“, sprach Jensen weiter, „Fakt ist, er ist tot und er starb, als er sich in den Händen des „Feindes“ befand. Für diese Leute gibt es keine Grauzone. Sie kennen nur zwei Seiten, schwarz oder weiß. Eine einfache Milchmädchenrechnung.“ „Wir denken also alle das gleiche, die Union Station war erst der Anfang“, fasste der Chief kurz zusammen, „Himmel, Arsch und Zwirn, wie können wir diesen Wahnsinn nur stoppen?“ „Wir haben sicher irgendwo Listen mit Namen von Triscals ehemaligen Gefolgsleuten“, sagte Jared, „stellen wir doch einige von ihnen unter Beobachtung.“ „Und wer sagt dir, dass wir die richtigen im Auge haben“, entgegnete Jensen. „Indem wir sie danach beurteilen, wie nah sie Triscal gestanden haben“, meinte Joy, „soviel ich weiß, war seine Gruppe hierarchisch aufgebaut. Wer war also seine rechte Hand, wen hat er mit speziellen Aufgaben betraut usw. Wenn wir das herausgefunden haben, können wir den Kreis der üblichen Verdächtigen erheblich eingrenzen. Auch wenn es einen neuen Mann an der Spitze gibt, wird dieser nicht mit einem Schlag die ganze Führungsriege austauschen, das würde nur das Misstrauen der alt eingesessenen Mitglieder erwecken.“ „Zwei ehemalige Führungsspitzen sind uns bekannt“, Jensen stand auf, da er nicht mehr länger sitzen konnte, „die könnten wir ab sofort observieren.“ „Gute Idee“, der Chief hatte bereits den Hörer in der Hand, „geben sie mir ihre Namen und Adressen.“ Jensen eilte hinaus zu seinem Schreibtisch und gab dem Chief die relevanten Daten, der sie umgehend an einige Einsatzteams weiterleitete, „die werden ab jetzt nicht einmal einen Furz abdrücken können, ohne das wir davon Bescheid wissen“, dann wurde er sich gewahr, dass auch eine Frau im Büro anwesend war und entschuldigte sich umgehend für seine rüde Ausdrucksweise. Joy war amüsiert, „ich bin schon lange genug in diesem Beruf Chief, dass solche Aussprüche an mir Abprallen wie ein Gummiball von einer Wand.“ „Was ist mit dem Aspekt, der da lautet, dass jemand aus unseren Reihen bis zu den Ellenbogen in der Sache mit drinnen steckt?“ fragte Jensen unvermittelt. Der Chief sah aus, als könne er jeden Moment einen Schlaganfall erleiden, „dieses Gerücht hält sich also noch immer?“ Jensen nickte, „und es gibt bei gewissen Personen Verhaltensmuster, die ebenfalls darauf hindeuten. Ich erwähne da nur den Direktor von San Quentin. Der weiß eindeutig mehr, als er uns erzählt hat. Er benahm sich Jared und mir gegenüber, als würde irgendwo ein Scharfschütze lauern, der ihm gleich eine Kugel in den Schädel jagt, wenn er auch nur einen Ton daneben trifft.“ Jared pflichtete seinem Partner bei. Der Chief glaubte ihnen, beendete kurz darauf die Besprechung und wünschte ihnen eine gute Nacht. „Wie sieht’s mit euch aus? Ich brauch noch einen kleinen gute Nacht Cocktail“, ulkte Jared. Jensen lehnte dankend ab, ebenso Joy. Nachdem Jared gegangen war, wandte sie sich an Jensen, „ich weiß, es ist spät und du bist hundemüde. Aber ich denke, wir sollten endlich miteinander sprechen, wir schieben die Sache nun schon endlos lange vor uns her.“ Er machte einen zerknirschten Eindruck, wusste aber, dass sie Recht hatte. „Fahren wir zu Billy’s, so wie früher“, schlug er deshalb vor. Überrascht über seine prompte Zusage, willigte sie ein. Billy’s war ein kleines Cafe in einer Seitenstraße der Melrose Avenue. Es war ein schmuddeliger kleiner Laden, hatte aber die beste Cheesecake und den besten Latte Macciato in der Stadt. Früher, hatten sie hier oft zusammen mit Helen und anderen Freunden gesessen und über die Welt und das Leben im Allgemeinen philosophiert. Kaum hatten sie den Laden betreten, stürzte eine Flut von Erinnerungen über Jensen herein. Es war das erste Mal, seit ihrem Tod, dass er hier war. Joy sah ihn von der Seite an und wusste, wie es um ihn stand. Deshalb nahm sie seine Hand in die ihre und drückte sie sanft. Er ließ es geschehen. Der Laden war gesteckt voll, sie bekamen gerade noch einen Platz ganz hinten in einer Nische, doch das machte ihnen nichts aus, hier konnten sie wenigstens ungestört miteinander sprechen. Joy bestellte ein Glas Rotwein und ein Schinkenkäse Baguette, Jensen ein großes Bier. Der Kellner brachte die Getränke, sie stießen an und dann herrschte Schweigen. Sie merkte, dass er nicht recht wusste, was er sagen sollte. „Hast du jemals darüber nachgedacht Jensen?“ „Worüber?“ „Über uns“, antwortete sie so überraschend, dass er sich beinahe an seinem Bier verschluckte. „Ach hätte ich das machen sollen?“ „Tu nicht so unschuldig“, sie zwinkerte ihm zu, „zumindest am Anfang, bevor Helen kam und anfing, dir den Kopf dermaßen zu verdrehen, dass du nicht mehr wusstest, wo oben und unten war.“ Sie nippte an ihrem Rotwein, „du willst doch nicht etwa abstreiten, dass da was zwischen uns war, das sehr wohl über Freundschaft hinausging. So irren kann ich mich nicht“, sie beobachtete seine Mimik und seine Augen und die gaben ihr Recht, „siehst du, es stimmt. Aber als Helen auf der Bildfläche erschien, war ich abgemeldet. Sie machte sich einen regelrechten Sport daraus, dich mir abzuluchsen. Und das alles nur, um unseren Eltern und Lester eins auszuwischen.“ Sie schwieg eine Weile, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen. „Ich denke nicht, dass es Sinn macht, über jemanden zu sprechen, der tot ist und keine Stellung mehr beziehen kann“, schnappte Jensen. Er nahm sich vor, sein Bier auszutrinken und zu gehen. „Es tut mir leid“, meinte sie, als sie die Entschlossenheit in seinem Gesicht bemerkte, „aber es ist einfach so aus mir heraus gebrochen. Die ganze aufgestaute Wut und die Trauer. Manchmal denke ich, Helen bestimmt mein Leben noch über ihren Tod hinaus.“ Jensen stutzte, „wie meinst du das?“ „Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich sie in einer Menschenmenge sehen oder an einem unserer Lieblingsplätze. Neulich erst bin ich einer Frau hinterhergelaufen, die sich bewegt hat wie Helen und auch so ausgesehen hat. Irgendwo hab ich sie dann aus den Augen verloren.“ „Ich träume oft von ihr. Dann steht sie plötzlich im Dunkeln in meinem Schlafzimmer und macht mir Vorwürfe oder ich meine Ihr Parfum zu riechen“, Jensen wirkte leicht abwesend, „ich dachte ich bin dabei durchzudrehen, aber wenn es dir ebenso geht….“ Der Kellner brachte das Baguette und unterbrach damit das Gespräch. „Wahrscheinlich sind wir beide durch ihren Tod traumatisiert worden, du noch mehr als ich“, sprach Joy anschließend weiter. „Warum bist du nach dem Begräbnis einfach abgehauen?“ wollte Jensen wissen, seine Stimme klang plötzlich viel weicher, „wir hätten uns vielleicht gegenseitig helfen können. Du hättest mich anrufen können. Das hätten dir deine Eltern nicht verbieten können.“ Sie atmete tief ein, „ich war nie in Paris Jensen. Ich war in einer Klinik.“ Sie legte beide Hände auf den Tisch und drehte sie um, die Handflächen nach oben. Da sah er die verheilten Narben an ihren Handgelenken. Der Anblick entsetzte ihn zutiefst. Er rang nach Worten. „Warum um alles in der Welt hast du das nur getan?“ flüsterte er. Sie schluckte, ihre Augen waren Tränen verhangen, „weil ihr Tod mir jede Chance auf DIE Dinge im Leben nahm, die das Leben für mich erst lebenswert gemacht hatten. Die Zuneigung meiner Eltern war unter der Trauer über ihren Verlust ebenso begraben, wie deine Liebe zu mir“, ihre Stimme klang verzweifelt, „Lesters Worte am Tag ihrer Beerdigung haben mir dann den Rest gegeben. Er sagte zu mir: „Ich weiß nicht, weshalb sie jetzt da unten liegt, du müsstest eigentlich diejenige sein, die wir heute begraben. Du hast es nicht verdient zu leben.“ Jensens Hand zitterte merklich als er nach dem Bierglas griff und einen Schluck daraus trank. „Wie kommt dieser Hurensohn dazu etwas Derartiges zu sagen?“ fauchte er. Hätte am liebsten mit der Faust auf den Tisch geschlagen und sich dabei Lesters Visage vorgestellt. „Helen hat ihm erzählt, dass ich dich ihr vorgestellt hab. Ergo schlussfolgerte er, ich war am Ende ihrer Beziehung schuld. Das was ich dir jetzt sage, musst du mir glauben Jensen. Helen hat nur mit dir gespielt, sie hatte nie vor, Lester zu verlassen. Sie wollte es ihm nur heimzahlen, weil er einen Flirt mit seiner Sekretärin angefangen hatte. Und sie wollte unseren Eltern eines auswischen, die sie schon als die Frau von Staatsanwalt Lester Durban sahen. Die Beziehung zu dir, war für sie völlig indiskutabel. Eine Schande geradezu.“ „Das muss ich erst mal verdauen“, sagte er, leerte das Glas in einem Zug und rief nach dem Kellner, um sich noch ein großes Bier zu bestellen. „Wieso erzählst du mir das jetzt, wo sie tot ist?“ insistierte Jensen, „weshalb bist du nicht schon früher zu mir gekommen? Weshalb hast du mich nicht mit mir gesprochen, bevor du versucht hast, dich umzubringen?“ „Weil ich einfach das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Weißt du, wie das ist, wenn auf einmal nichts mehr da ist, was dir von Bedeutung ist? Wenn sich alles um dich herum in ein Vakuum verwandelt?“ Eine Träne lief über ihre Wange. Er griff über den Tisch und wischte sie weg. Seine Berührung schien ihre Haut in glühendes Magma zu verwandeln. Sie zuckte zurück. „Entschuldige. Es tut mir alles wahnsinnig Leid“, sagte er mit erstickter Stimme. „Schon von klein auf hatte Helen den anderen ihren Willen aufgezwungen. Sie manipulierte unsere Eltern, unsere Nannys. Nicht ich war das Liebkind, so wie sie es dir erzählt hat, sie war es. Wenn ich damals zu dir gekommen wäre und hätte dir gesagt, dass sie nur mit dir spielt, hättest du mir geglaubt? Ich bezweifle es.“ Er sah ihr in die Augen und schüttelte den Kopf, „ich kann es ja jetzt kaum glauben.“ „Und dann wäre da noch die Sache mit dem Abschlussbericht Jensen. Ich hab ihn mir heute angesehen, das ist NICHT der Bericht, den ich unterschrieben habe. Jemand muss ihn ausgetauscht und meine Unterschrift darauf gefälscht haben“, sie legte ein verschlossenes Kuvert auf den Tisch und schob es ihm zu, „das hier, sollte ursprünglich an die Kommission gehen.“ Jensen hatte es nun endgültig die Stimme verschlagen, ohne ein Wort verstaute er das Kuvert in seiner Brusttasche. Die Gestalt, die draußen im Verborgenen ausharrte, ließ jede Menge Flüche vom Stapel, die Dinge begannen sich in eine Richtung zu entwickeln, die so nicht geplant gewesen war. tbc
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Jensen und Joy saßen noch ungefähr zwei Stunden zusammen und redeten. Beim Verlassen des Lokals stellten sie fest, dass der Himmel anscheinend seine Schleusen geöffnet hatte, es goss wie aus Eimern und der Wind hatte ziemlich aufgefrischt.
„Wo hast du deinen Wagen geparkt?“ fragte Jensen. Sie deutete nach rechts, „gleich dort vorn.“ Er nickte, dann drückte er sie kurz an sich, „es tut mir leid. Ich wünschte, wir hätten schon früher miteinander gesprochen.“ Sie musste ihren Kopf heben, um ihm in die Augen sehen zu können, „danke, dass du mir eine Chance gegeben hast.“ Er schluckte hart, „ich…“ weiter kam er nicht. Sie entzog sich seiner Umarmung und rannte zu ihrem Wagen. Jensen tat es ihr gleich. Nachdem er eingestiegen war, kramte er im Handschuhfach nach einer bestimmten CD „Nessaja“ von Scooter. Dann legte er sie ein und drehte den Lautstärkenregler hoch. Techno-Musik war genau das, was er jetzt brauchte. Er setzte zurück und fuhr los, ließ den sanften Refrain, der sich immer wieder mit dem harten Beat mixte, auf sich wirken. Laut und lange genug abgespielt, hatte diese Art von Musik die gleiche Wirkung wie eine Droge auf ihn. Das Gespräch mit Joy hatte erneut eine Flut von Erinnerungen bei ihm ausgelöst, die jetzt stakkatoartig auf ihn einstürzten. Er hielt das Lenkrand so fest umschlossen, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Helen tauchte in verschiedenen Posen und Situationen vor seinem geistigen Auge auf. „Ich liebe dich Jensen, ich liebe dich“, hörte er sie immer wieder sagen. Ihre Stimme wurde lauter und lauter, „ich liebe dich, bitte verlass mich nicht.“ Ein unbändiger Schmerz bohrte sich in sein Herz, „Helen!“ rief er und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Sein Glück, dass um die nachtschlafende Zeit kaum noch jemand unterwegs war. Tränenblind jagte er seinen Wagen stadtauswärts. „Ich liebe dich Jensen. Warum hast du mich verraten?“ Er schüttelte seinen Kopf, um Helens Stimme endlich aus dem Kopf zu bekommen und drehte erneut an der Lautstärke. Schuldgefühle paarten sich mit unbändiger Wut und Hilflosigkeit. Er schluchzte ein paar Mal hörbar auf und sehnte eine Flasche Whiskey herbei. „Du hast mich verraten, du hast mich verraten!“ dröhnte ihre Stimme in seinem Kopf. „Das ist nicht wahr Helen, bitte glaube mir! Ich konnte dir nicht helfen, ich konnte ja nicht einmal mir selbst helfen“, schrie er. Blitze durchzuckten die Dunkelheit. Als Jensen einen Blick in den Rückspiegel warf, meinte er Helen hinter sich zu sehen. Er machte unvermittelt eine Vollbremsung, das Heck brach aus und der Wagen begann, sich um die eigene Achse zu drehen. Jensen versuchte dagegen zu lenken, vergeblich. Durch die viel zu hohe Geschwindigkeit verlor er vollkommen die Herrschaft über das Fahrzeug. Der Bass wummerte weiter aus den Lautsprechern. Jensen fühlte sich seltsam losgelöst und beschloss, sich seinem Schicksal zu ergeben. Langsam nahm er die Hände vom Lenkrad. Alles schien in Zeitlupe abzulaufen. Der Wagen tuschierte mit der Beifahrerseite einen Betonpfeiler, Metall knirschte, Glas zerbarst. Durch die Wucht des Aufpralls verlor der Wagen jegliche Bodenhaftung und wurde über die Mittelleitschiene auf die Gegenfahrbahn geschleudert, wo er sich mehrmals überschlug und schlussendlich auf den Rädern zum Stehen kam. Ein entgegenkommendes Fahrzeug konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen und einen Zusammenstoß vermeiden. Ein Sternenmeer explodierte vor Jensens Augen, gleißendes Licht blendete ihn, bevor es schlagartig dunkel wurde. Er fühlte rein gar nichts. Die Musik begleitete ihn immer noch. War das so, wenn man starb? Er drehte sich im Kreis und suchte verzweifelt nach dem Licht am Ende des Tunnels. Es gab keines. Da war rein gar nichts. Er öffnete seinen Mund zu einem stummen Schrei. Always lived my life alone, Been searching for the place called home. I know that I've been cold as ice, Ignored the dreams, too many lies. Somewhere deep inside, somewhere deep inside me, I found ... the child I used to be And I know that it's not too late Never too late... Noch immer hallte der Refrain des Liedes durch die Dunkelheit. Resignierend fiel er auf die Knie, versuchte die Kälte, die in ihm hoch kroch, zu ignorieren. Er hatte so fest damit gerechnet, Helen wieder zu sehen. Weshalb war sie nicht hier, um ihn in ihre Arme zu schließen und ihm zu verzeihen? Bleierne Müdigkeit befiel ihn, die Musik erstarb. Das Schrillen der Türglocke riss Jared äußerst unsanft aus seinem Schlaf. Er griff nach seiner Boxershort und jagte, Verwünschungen ausstoßend, die Treppe hinunter. Er nahm sich vor, den Irren, der es gewagt hatte, seinen Schönheitsschlaf zu stören, gehörig den Marsch zu blasen und riss, geladen wie eine Starkstromleitung, die Tür auf, „welches Arschl…..“, die Worte erstarben auf seinen Lippen, als er unerwartet Chief O’Rourke gegenüberstand. Seine Miene war so düster wie das Wetter, „ziehen sie sich was über, es geht um Ivory“, war alles was er sagte. Doch es genügte, um Jared in die Gänge zu bringen. In Windeseile hatte er sich ein schwarzes T-Shirt und hellblaue Jeans übergestreift. Die Schuhe konnte er sich später zubinden. Als er nach seinen Wagenschlüsseln griff, meinte der Chief, „die brauchen sie nicht, ich fahre. Ein filmreifer Crash reicht mir für heute.“ Auf dem Weg ins Krankenhaus setzte O’Rourke ihn über Jensens Unfall in Kenntnis, „laut Aussagen der Rettungskräfte hatte er wohl eine ganze Armee von Schutzengeln um sich geschart“, beendete er seine Schilderung. „Sie hätten ihn von Anfang an, aus den Ermittlungen ausschließen sollen“, meinte Jared und schlug wütend gegen die Türverkleidung. „Und sie meinen, das hätte ihn davon abgehalten auf eigene Faust loszuziehen?“ entgegnete der Chief mit einem skeptischen Seitenblick. Jared fühlte wie der Kloß in seinem Hals überdimensionale Ausmaße anzunehmen schien. „Nein, sicher nicht“, erwiderte er, „was sagt diese Joy zu der ganzen Sache?“ „Keine Ahnung, ich konnte noch nicht mit ihr sprechen“, O’Rourke achtete penibel auf jede Ampel und Geschwindigkeitsbegrenzung. Jared hätte ihm am liebsten das Steuer aus der Hand gerissen. Obwohl die Fahrt nur knapp zwanzig Minuten dauerte, kam es ihm vor wie eine halbe Ewigkeit. Der Wagen rollte noch aus, da sprang Jared schon heraus und hastete durch die Schiebetüren der Notaufnahme. Joy kam ihm auf halbem Weg entgegen. Seine Augen sprühten Funken, als er sie sah. „Er wird noch immer operiert“, sagte sie den Tränen nahe und griff nach seiner Hand. Er zuckte zurück. „Was für eine Scheiße ist da zwischen euch gelaufen?“ schrie er sie an, „was haben sie mit Jensen gemacht?“ Seine Blicke durchbohrten sie. „Ich weiß nicht was sie meinen“, stammelte sie fassungslos. „Ich weiß nicht was sie meinen“, äffte er sie nach, „sie waren doch mit Jensen zusammen, bevor er in seinen Wagen gestiegen ist, oder nicht?“ „Ja, aber ich denke nicht, dass….“ „Verflucht noch mal. Ihre Familie hat ihm schon zu viel Leid gebracht, weshalb konnten sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen?“ er schnappte ihre Oberarme, „ich schwöre ihnen, wenn er stirbt, werden sie das bitter bereuen.“ „Ivory“, dröhnte die Stimme O’Rourkes durch den hellen Gang, „lassen sie sie gefälligst in Ruhe.“ Für den Bruchteil einer Sekunde schloss Jared seine Augen, dann ließ er von Joy ab. „Ich versteh nicht, wie sie für dieses Miststück noch Partei ergreifen können“, blaffte er. „Reißen sie sich am Riemen Detective“, schnappte O’Rourke, „Fakt ist, Ivory war mit viel zu hoher Geschwindigkeit unterwegs und hat die Herrschaft über seinen Wagen verloren. Alles andere ist reine Spekulation.“ Der Chief ging hinüber zu Joy und nahm sie tröstend in den Arm. Jared hatte seine Hände zu Fäusten geballt. Es kostete ihm große Überwindung hier nicht was zu Klump zu schlagen. Während Joy und O’Rourke sich setzten und leise miteinander sprachen, lief Jared nervös hin und her. Es verging noch eine gute Stunde, ehe der behandelnde Arzt ihnen gegenüber trat. Jensen hatte tatsächlich mehr Glück als Verstand gehabt. Die Verletzungen betrafen größtenteils die linke Körperseite: eine Platzwunde knapp über dem Ohr, in Verbindung mit einer Gehirnerschütterung, Bruch des linken Unterarms sowie mehrere Rippen, wobei die Lunge ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden war und eine Quetschung der Niere. Für den Moment war er zwar stabilisiert, doch wollte der Arzt nicht ausschließen, dass man ihm das Organ vielleicht noch entnehmen musste. Das würde sich erst in den nächsten Tagen herausstellen. „Ich will zum ihm“, sagte Jared. „Aber nur kurz“, entgegnete der Arzt, „folgen sie mir bitte.“ Sie gingen in die Aufwachstation. Jensen lag allein im Zimmer, umgeben von jeder Menge Technik. „Der Schlauch dient dazu, ihm das Atmen zu erleichtern“, erklärte der Arzt, als er die geschockten Gesichter der Besucher sah. O’Rourke stützte Joy, deren Knie kurz nachgaben und Jared rang um Fassung. Verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem Augenwinkel und ging zum Bett. Er ergriff die schlaffe Hand seines Partners und drückte sie fest. „Ich bin hier Ice, hörst du. Lass dir bloß nicht einfallen, mich mit der ganzen Scheiße allein zu lassen. Wir machen das zusammen, als Partner. Verstanden?“ Kurz darauf erschien die Schwester und bat alle zu gehen. Draußen verabschiedete sich der Chief von Joy. Anschließend wandte sie sich an Jared. Der strafte sie jedoch mit eisigem Schweigen und wandte ihr demonstrativ den Rücken zu. tbc
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Die Musik war schon lange aus. Als Jensen aus den Untiefen seines Geistes auftauchte, vernahm er lediglich das Fiepen eines Herzmonitors. Sein Hals schmerzte, als hätte er ein Pfund Reißnägel gefrühstückt. Langsam öffnete er seine Augen. Das linke wollte ihm nicht wirklich gehorchen, wo war er? Was war geschehen? Bildfetzen flackerten durch sein benebeltes Gehirn: Regen, eine Straße, er saß in seinem Wagen, raste durch die Nacht, Dunkelheit. Er lag in einem Bett, auf der rechten Seite, sein Rücken wurde durch etwas gestützt. Dann sah er Jared auf einem Stuhl ihm gegenüber sitzen. Er hatte eines seiner langen Beine über das andere geschlagen und schnarchte leise vor sich hin. Wie konnte jemand in so einer Stellung schlafen? Das konnte einfach keine Halluzination sein. Als Jensen versuchte sich zu bewegen, meinte er jemand würde ihm ein glühendes Messer in seinen Rücken jagen. Er stöhnte auf. Das genügte und Jared war auf der Stelle hell wach.
„Ice, alles in Ordnung? Soll ich nach der Schwester klingeln?“ fragte er besorgt. Jensen schluckte und versuchte zu Lächeln, auch das gelang ihm nicht ganz schmerzfrei. „Scheiße, ich bin wohl nicht bis ganz nach oben gekommen. Oder hast du Petrus den Job geklaut? Wie lange war ich weg?“ „Drei Tage. Aber ich wusste, du würdest es schaffen“, sagte Jared sichtlich erleichtert, seinen Partner wieder unter den Lebenden zu wissen. Jensens Mund war trocken, „kann ich was zu trinken haben?“ Jared eilte aus dem Zimmer und kehrte kurz darauf zurück, „die Schwester meint, für den Anfang sollst du nur an diesen kleinen Eiswürfeln nuckeln, sonst reierst du dir die Seele aus dem Leib.“ „Ich bin eindeutig in der Hölle gelandet“, stöhnte Jensen. Jared zog den Stuhl näher ans Bett, setzte sich und benetzte Jensens Lippen mit einem Eiswürfel. „Versprich mir Jared, dass du morgen ne Flasche Whiskey mitbringst. Dann schmeckt auch das Eis besser.“ Jensens Augen wurden schwer und er fiel erneut in einen tiefen traumlosen Schlaf. Jared stellte den Becher zur Seite, Jensen hätte bei jeder Halloween-Party zweifelsohne den ersten Preis gewonnen. Seine linke Gesichtshälfte war an- und dadurch sein linkes Auge zugeschwollen. Es leuchtete in den schillerndsten Farben. Aus seinem Katheter rann nach wie vor blutiger Urin in den Beutel, der unter dem Bett hing. Ein Umstand, der den Ärzten noch immer Kopfzerbrechen bereitete und seine linke Hand war, bis zum Ellenbogen, eingegipst. Trotzdem freute sich Jared, wenigstens ein paar Worte mit Jensen gewechselt zu haben. Es war kurz nach Mitternacht. Er stand auf, um sich einen Kaffee zu holen. Er hatte keine Lust nach Hause zu gehen, außerdem hatte die Spurensicherung einen technischen Defekt an Jensens Wagen festgestellt. Sabotage konnte also nicht ganz ausgeschlossen werden. Vielleicht kam der Saboteur auf die Idee, sein unvollendetes Werk zu vollenden. Jared war fest entschlossen, dies mit aller Macht zu unterbinden. Während seines Einsatzes am Golf hatte er gelernt mit wenig Schlaf auszukommen. Wenn’s sein musste konnte er sogar ein Nickerchen im Stehen absolvieren. Er warf gerade ein paar Münzen in den Kaffeeautomaten, als er Joy auf einen der Besucherstühle entdeckte. Sofort fing es in seinem Inneren an, zu brodeln, „ist es nicht ein bisschen spät für einen Krankenbesuch?“ fuhr er sie an. Joys Kopf ruckte hoch, Tränen liefen über ihre Wangen, „ich weiß nicht, wo ich hin soll. Zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf und im Büro darf ich nicht bleiben, weil O’Rourke mich vor einer Stunde rausgeworfen hat, nachdem ich am Schreibtisch eingenickt war.“ Schniefend setzte sie sich auf. Da sie aussah, wie ein Häufchen Elend und anscheinend unter Gewissensbissen litt, schaltete Jared einen Gang zurück. „Er ist vorhin kurz aufgewacht und hat mit mir gesprochen.“ Ihre Wangen wurden von einem Hauch von Rot überzogen und ihre Augen begannen zu leuchten, „was hat er gesagt?“ „Außer ein paar Flüchen nicht viel.“ Sie versuchte ein tapferes Lächeln, „dann ist er wohl über den Berg.“ Einem Impuls folgend, schlang sie ihre Arme um Jareds Hals. Der schaffte es gerade noch seine Arme auszubreiten und den Kaffee nicht zu verschütten. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Halsbeuge und begann lauthals zu schluchzen. Mit seiner freien Hand strich er beruhigend über ihren Rücken und merkte, dass er diese Berührung sogar als angenehm empfand. Das ganze dauerte kaum ein paar Minuten. „Danke“, hauchte sie, als sie sich von ihm löste und dann sagte sie mit einem schüchternen Lachen, „ich hab ihre Jacke nass gemacht.“ Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Manteltasche und wischte über seine Schulter. „Schon in Ordnung“, Jared war sichtlich verlegen, „es tut mir leid, dass ich mich wie ein Arschloch ihnen gegenüber verhalten habe.“ Sie atmete tief ein und aus, „ich kann es ihnen nicht verdenken. Jensen hat ihnen sicher so einiges erzählt. Als wir uns trafen, war ihm selber nicht ganz klar, was ich eigentlich von ihm wollte.“ Sie blies geräuschvoll in ihr Taschentuch, steckte es weg und gab Jared einen detaillierten Bericht über ihr Gespräch mit Jensen. Die beiden waren so vertieft darin, dass sie die dunkle Gestalt nicht bemerkten, die hinter Jareds Rücken in Jensens Zimmer schlich. Das Parfum kannte er doch, oder? Natürlich, er hatte es seit Jahren nicht mehr gerochen und doch würde er es unter tausenden erkennen. Jensen sog gierig den Duft in sich auf und öffnete erneut sein rechtes Auge. „Helen?“ murmelte er, „Helen, ist es so weit? Bist du gekommen, um mich zu holen?“ Ein kehliges Lachen war die Antwort. Er konnte lediglich den Umriss einer Gestalt erkennen, die neben ihm kauerte. Die Monitore spendeten nur wenig Licht. „Ich denke nicht, dass wir jemals wieder zusammen einen Weg bestreiten werden.“ Sein Gehirn arbeitete viel zu langsam, doch das was sie gesagt hatte und die Tatsache, dass sie so gar nicht tot neben seinem Bett stand, gab ihm zu denken, „ich versteh nicht…“ „Das ist im Moment auch ganz unwichtig Detective. Es ist eine Schande, dass dich der Crash nicht gekillt hat und ich deinem Leben jetzt eigenhändig ein Ende bereiten muss.“ Panik kroch in ihm hoch. Die Eiseskälte ihrer Stimme ließ ihn keine Sekunde an ihrem Vorhaben zweifeln. Wo zur Hölle war Jared? Sie bemerkte wie er unruhig wurde. „Falls du deinen Partner suchst, der ist draußen mit Joy beschäftigt. Manchmal ist meine blöde Schwester doch für was gut.“ „Sie steckt also mit dir unter einer Decke?“ fragte Jensen. Helen schmunzelte, „vielleicht, vielleicht auch nicht.“ Zärtlich strich sie Jensen über die Stirn, es widerte ihn an, doch er konnte sich nicht bewegen. „Eigentlich schade um dich, du bist wirklich süß. Aber du weißt jetzt, dass ich noch am Leben bin. Und ich denke, du weißt es schon länger.“ Unter größter Anstrengung drehte er den Kopf so, dass er sie besser sehen konnte, „manche meiner Fantasien schienen mir doch ein wenig zu real zu sein. Aber bevor du mich ins Jenseits beförderst hätte ich ganz gern gewusst, was der Sinn dieser Schmierenkomödie war.“ Sie warf einen kurzen Blick auf das Leuchtzifferblatt ihrer Armbanduhr, „ich könnte noch stundenlang mit dir plaudern, aber ich fürchte mir läuft die Zeit davon.“ Wie ein Magier, zauberte sie, scheinbar aus dem Nichts, eine Spritze hervor. „Du wirst nicht leiden. Und es wird so aussehen, als hätte dein Herz den Strapazen nicht standgehalten.“ Der Schweiß rann Jensen in Strömen über den Körper. Da flog die Tür auf und eine Schwester stand unvermittelt im Zimmer. Sie schrie auf, als sie die dunkle Gestalt neben Jensens Bett vorfand. Helen blieb nur noch die Flucht. Alarmiert durch den Schrei, sprangen Jared und Joy auf und sprinteten in Richtung Krankenzimmer. „Sehen sie nach Jensen“, rief er Joy zu und rannte der dunklen Gestalt hinter her, die gerade um die Ecke bog. Wenn die dachten, sie wäre hier herein marschiert, ohne sich vorher um einen Fluchtweg zu kümmern, waren sie auf dem Holzweg. Sie stieß die Tür zum Notausgang auf. Jared freute sich tierisch, weil er meinte der Gejagte säße jetzt in der Falle. Helen rannte die Treppe hinauf in den achten Stock. Dort hielt ein Keil die Tür für sie geöffnet, denn normalerweise befand sich keine Schnalle an der Innenseite dieser Türen. Jared schaffte es nur knapp ebenfalls hindurch zu schlüpfen. Er sah gerade noch, wie der Attentäter Anlauf nahm und durch das geschlossene Fenster in die Tiefe sprang. Was sollte das? War der Typ etwa Superman? Wenn nicht, hatte er soeben sein Todesurteil unterzeichnet. Völlig atemlos kam er an dem Fenster an und sah gerade noch, wie ein gut gepolsterter Lastwagen das Gelände verließ. Obwohl es ihr nicht gelungen war, Jensen auszuschalten, gönnte sie sich trotzdem ein triumphierendes Lächeln und winkte ihrem Verfolger gut gelaunt zu. Jared lief zurück zu Jensens Zimmer, mittlerweile hatten sich am Gang die halbe Belegschaft des Krankenhauses sowie eine Handvoll Polizeibeamter eingefunden. „Hast du sie erwischt?“ fragte Joy. Alle Köpfe wandten sich ihm interessiert zu. „Sie? Was heißt sie? Ich dachte ich jage einem Kerl hinterher. Die Kondition hat nicht jeder.“ „Jensen sagt, es war Helen“, erklärte sie, „sie war hier, um ihn zu töten.“ Augenblicklich verdunkelten sich Jareds Augen, „und du hast ihr dabei geholfen. Sie hat dir aufgetragen, mich abzulenken.“ Wütend ging er auf sie zu und schüttelte sie brutal durch, „gib zu, dass du den Lockvogel für deine kranke Schwester gespielt hast.“ Er wandte sich an zwei Polizeibeamte, „legt ihr Handschellen an und bringt sie aufs Revier und informieren sie Chief O’Rourke über den Vorfall. Ich will dass er den Wachdienst verdreifacht. Wenn’s sein muss, soll er dieses Krankenhaus in eine Festung verwandeln. Jeder der rein oder raus will, wird ab sofort einer strengen Kontrolle unterzogen.“ Joy sah ein, dass es keinen Sinn hatte, sich zu sträuben oder Erklärungen abzugeben. Jared würde ihr sowieso kein Wort mehr glauben. Widerstandslos ließ sie sich abführen. Die anderen Beamten kehrten wieder auf ihre Posten zurück. Besorgt sah Jared zum dem Arzt, der Jensen gerade untersucht hatte. „Es geht ihm gut Mr. Ebony. Ihm ist nichts passiert.“ Dann verließ er zusammen, mit dem Personal das Zimmer. „Ich bin anscheinend nicht totzukriegen“, brummelte Jensen, „sie war hier Jared. Sie ist am Leben.“ „Bist du dir ganz sicher?“ Jared saß vor ihm auf dem Boden und lehnte erschöpft mit dem Rücken am Nachttisch, „ich meine, du hast eine böse Gehirnerschütterung und jede Menge Drogen in dir. Dein Verstand könnte dir auch einen Streich gespielt haben.“ „Und du bist einem Phantom hinterher gejagt, oder wie? Es war ihre Stimme und ihr Parfum. Das würde ich sogar auf die Bibel schwören.“ Das Morphin, das der Arzt Jensen verabreicht hatte, begann zu wirken. „Dein Glück, dass die Schwester gerade ins Zimmer gekommen ist. Sonst würdest du jetzt im himmlischen Chor singen.“ „Das war kein Zufall, du hast mir irgendwann den Klingelknopf unter die Decke geschoben, ich brauchte ihn nur zu drücken.“ Jared schlug mit seinem Kopf dreimal gegen den Nachttisch und fing erleichtert an zu lachen. Jensen hätte nur zu gern mit ihm gelacht, doch er war viel zu müde dazu, „kannst du dir vorstellen, ich in einem weißen Nachthemd, mit ein paar Flügelchen am Rücken während ich schön laut und falsch „Hallelujah“ singe?“ Lachend sah Jared zu Jensen. Er war bereits eingeschlafen. Er hingegen, starrte noch lange in die Dunkelheit und lauschte den regelmäßigen Atemzügen seines Freundes. tbc
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Jared saß im Büro und brütete vor sich hin. Joy war in den letzten Tagen immer wieder verhört worden, bestritt aber weiterhin hartnäckig jeden Zusammenhang mit dem Mordanschlag auf Jensen. Trotzdem hatte der Chief sie vorübergehend suspendiert. Jensen war von der Intensivstation in ein Zweibettzimmer verlegt worden. Ein Beamter in Zivil leistete ihm Gesellschaft. Die Ermittlungen waren ins Stocken geraten. Jared machte sich gerade daran, die neue Ausgabe der Sports Illustrated zu lesen, da klingelte sein Handy.
„Hi Detective Ebony, ich bin’s der irre Keenan.“ Jared überlegte kurz, dann fiel es ihm wieder ein, „ach ja der Gothic-Freak“, sagte er. „Ich hab versucht Jensen zu erreichen, aber er geht nicht ans Telefon, wie geht es ihm? Ich hab das mit seinem Unfall nur so am Rande mitbekommen, ich guck kaum Fernsehen und Zeitungen sind nicht so mein Ding“, gestand er. „Er hat miese Laune, ist andauernd am rum nölen, aber sonst geht’s ihm gut“, entgegnete Jared, „was kann ich für sie tun?“ Keenan senkte seine Stimmen, „sie werden nicht glauben, wer gerade zur Tür herein reinspaziert ist. Ein Streifenbeamter war so nett und hat mir vor kurzem ein Fahndungsfoto gebracht. Jarvis Mouser lungert im Laden herum. Er benimmt sich äußerst merkwürdig.“ „Sehen sie zu, dass sie ihn irgendwie festhalten, ich bin in ein paar Minuten bei ihnen“, sagte Jared und war bereits auf dem Weg nach draußen, dabei bat er zwei seiner Kollegen, ihm zu folgen. „Ich werd sehen, was ich tun kann“, seufzte Keenan und legte auf. „Was liegt an Jared?“ fragte Frank Miller. „Jarvis Mouser ist wieder aufgetaucht. In einem Gothic-Laden in der Melrose. Ihr nehmt deinen Wagen, ich meinen.“ Seine Kollegen nickten. Keine zehn Minuten später hielten sie mit quietschenden Reifen vor Keenans Geschäft. „Wo ist der Kerl?“ Jared sah sich suchend um. Keenan war noch blasser als sonst, „er ist gerade gegangen, draußen hat ein dunkler Sedan auf ihn gewartet, leider konnte ich das Kennzeichen nicht erkennen. Ebony, er trägt eine Sprengstoffweste, er hat was vom Beverly Hilton gefaselt, war völlig weggetreten, hat sich nur einen Totenkopfring gekauft.“ „Danke“, rief Jared und war mit seinen Kollegen schon wieder verschwunden. Draußen griff er sofort zum Funkgerät. „Hier Detective Ebony, wer kann mir sagen, was derzeit im Hilton abgeht? Schickt sofort alles hin was ihr habt und verständigt auch das ATF. Jarvis Mouser ist auf dem Weg dorthin und statt eines Anzuges trägt er ne Sprengstoffjacke.“ Noch während er sprach, stieg er in den Wagen und fuhr aufmerksam die Melrose entlang. Keiner der Wagen traf auf Keenans Beschreibung zu. Sein Funkgerät knackte, „Ebony“, es war O’Rourke persönlich, „einen der Säle hat Scientology gemietet und in einem anderen findet ein Treffen von hochrangigen Industriellen sowie einigen Politikern statt. Es sollte eigentlich geheim sein. Nur eine Handvoll Leute wusste davon.“ Mit der flachen Hand schlug Jared wütend aufs Lenkrad ein. „Fuck! Jarvis ist ne wandelnde Zeitbombe, egal was wir tun. Selbst bei einer Evakuierung reißt er noch genug Menschen mit in den Tod, schließlich müssen wir alle irgendwie dort rausschaffen.“ „Vielleicht haben die im Hotel einen unterirdischen Fluchtweg oder so, ich checke das mal ab“, O’Rourke klang nicht gerade begeistert. Jared raste zum Hotel, dicht gefolgt von seinen Kollegen. Was gäbe er jetzt darum, wenn Jensen an seiner Seite wäre! Einige Streifenwagen waren bereits vor Ort, als er eintraf. Er sprang aus seinem Wagen und ging zum Portier, in der Hand hielt er Jarvis Fahndungsfoto. „Ist ihnen dieser Junge aufgefallen?“ Der Portier verneinte, „das haben mich ihre Kollegen bereits gefragt, wie oft noch?“ Scheiße, Jarvis war ein Durchschnittstyp, jemand der in der Menge absolut nicht auffiel. Nun kannte er auch den Grund, weshalb man gerade ihn ausgewählt hatte. Beamte in Uniform und in Zivil hatten bereits damit begonnen, das Hotel zu durchkämmen, wenn er hier war, dann würde er ihnen sicher nicht entkommen. Die Frage war nur, ob sie einen neuerlichen Anschlag verhindern konnten. Jared hatte einen Streifenbeamten mit einem Funkgerät im Schlepptau und hörte, wie sich andere Einheiten laufend meldeten, um Bericht zu erstatten. Bis jetzt war die Suche erfolglos verlaufen. „Himmel, Arsch und Zwirn, der Kerl kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen“, beschwerte sich Jareds Begleiter, „was tun wir, wenn wir ihn gefunden haben Detective? Eintüten?“ „Eine verdammt gute Frage“, antwortete Jared, „leider wissen wir nicht, wie diese verfluchten Westen funktionieren. Vielleicht sind sie funkgesteuert und der Träger braucht nichts anderes zu tun, als an den vereinbarten Ort zu marschieren und dann WUMM!“ „Heitere Aussichten“, bemerkte der Streifenbeamte, „ehrlich gesagt, hab ich nicht vor, meine Frau zur Witwe zu machen und schon gar nicht heute.“ Jetzt kamen sie an dem Saal vorbei, in dem Scientology ihre Veranstaltung abhalten sollte. Die Anhänger protestierten lautstark gegen, die ihrer Meinung nach, rüde Vorgangsweise der Polizei. Die Erklärungen der diensttuenden Beamten ignorierten sie geflissentlich, hier ging es eindeutig um einen Schlag gegen ihre Kirche. War das gerade Tom Cruise gewesen? Jared wandte den Kopf, doch der Hollywoodstar war bereits wieder in der Menge untergetaucht. Agent Hunt, wüsste jetzt, was zu tun wäre. Ein strenger Blick in die Runde und er würde den Attentäter auf Anhieb entlarven. Leider war diese Figur nur das Hirngespinst eines gefinkelten Drehbuchschreibers und hatte absolut nichts mit der Realität zu tun. Auf dem Weg hinauf in die nächste Etage hörte Jared ein leises Stöhnen. Er legte seinen Finger an den Mund und bedeutete seinem Gefolgsmann zu schweigen. Vorsichtig schlichen sie zu der Nische, aus der die Geräusche kamen. Jared machte einen Satz nach vor und rief, „keine Bewegung.“ Umsonst, der junge Mann lag wimmernd auf dem Boden, nackt bis auf die Unterwäsche und verschnürt wie ein Postpaket. Jared beugte sich zu ihm hinunter und löste den Knebel aus seinem Mund. Dabei nahm er einen bestimmten Geruch wahr: ESSEN! „Sind sie für das Catering auf dieser Industriellenkonferenz zuständig?“ Der Mann nickte benommen. „Beschreiben sie mir ihre Uniform“, forderte Jared. Anschließend informierte er alle Einsatzkräfte über die neuen Erkenntnisse. „Wenigstens wissen wir jetzt wonach wir Ausschau halten müssen, ich hoffe hier laufen nicht allzu viele mit so einer Uniform herum“, meinte der Streifenbeamte. Jared nickte zustimmend. Ein paar Minuten später wurden sie fündig. Jarvis marschierte stur auf eine Gruppe zu. Jared hob seine Arme, hielt die Waffe mit beiden Händen fest umklammert und zielte auf Jarvis Hinterkopf. „Geben sie auf Mouser, sie haben keine Chance!“ rief er. Der Angesprochene zuckte nicht einmal mit der Wimper. Durch Jareds Stimme waren die Leute auf den Attentäter aufmerksam geworden. Panik machte sich breit, als sie sahen, wie Jarvis sich ihnen näherte. Alle drängten zur Treppe. Es war das totale Chaos die Leute schrien und kreischten. Drängten verzweifelt nach unten. Nichts ging mehr. Jared feuerte einen Schuss in die Luft, die Menge heulte geschlossen auf. „Ich denke nicht, dass er sie hören kann oder will Detective.“ Jarvis Mouser war vom harmlosen Anhalter zu einer Tötungsmaschine mutiert, die eiskalt ihr Ziel verfolgte. „Es tut mir leid“, murmelte Jared, dann gab er den tödlichen Schuss ab. Der Junge brach zusammen, augenblicklich waren Leute vom ATF zur Stelle. Jared hörte nur, wie sie die Meldung „Clear“ an alle durchgaben, was soviel bedeutete, wie die Sache war gelaufen. Das Chaos auf der Treppe hatte einige Verletzte gefordert, die nun, eine viertel Stunde später, ärztlich versorgt wurden. Chief O’Rourke klopfte Jared anerkennend auf die Schulter, „da ist wohl eine Belobigung fällig Ebony, gratuliere.“ Jared schluckte und blickte dem Chief in die Augen, „ich wollte ihn nicht töten, aber ich hatte keine andere Wahl.“ Sein Chef nickte langsam, „sie haben getan, was sie tun mussten Ebony. Die Sache wird keinerlei Nachspiel für sie haben. Das wäre ja noch schöner. Der Junge hatte den Auslöser schon in seiner Hand. Eigentlich bedeutet unser Job Menschleben zu retten, leider sind wir manchmal zum Gegenteil gezwungen.“ Er seufzte. „Und wie geht’s Ivory?“ „Ich hoffe gut, ich fahr jetzt zum ihm. Gibt es neue Erkenntnisse wegen Helen?“ O’Rourke beantwortete Jareds Frage mit düsteren Blicken, „ihre Schwester hüllt sich in Schweigen. Langsam fange ich an zu glauben, sie weiß tatsächlich nichts.“ Dann hob er die Hand zum Gruß und wandte sich um. Jared betrat Jensens Krankenzimmer und stellte fest, dass sich sein Partner auch nicht gerade in Hochstimmung befand. Er stand am Fenster und starrte hinunter. „Falls du überlegst zu springen, lass es bleiben, wir sind hier im zweiten Stock, du würdest dir höchstens deine Beine brechen.“ Keine Antwort. Jared sah zu Jensens Zimmergenossen, Daniel Sherman. „Was hat er denn?“ „Er schmollt, dass tut er schon die ganze Zeit. Ich bin mir noch nie so unsichtbar vorgekommen. Aber jetzt bist du ja da Ebony. Das heißt ich habe Kaffee- und Pinkelpause.“ Grinsend stand er auf und ließ die beiden allein. „Du siehst aus, wie ein Kleinkind, dem das Eis aus dem Patschehändchen gefallen ist“, feixte Jared. „Ich schmoll nicht“, grummelte Jensen und humpelte zurück zum Bett, „ich will hier endlich raus. Es kotzt mich an eingesperrt zu sein.“ „Du bist eben erst von der Intensivstation verlegt worden, hast du sie noch alle?“ Jared schüttelte den Kopf. „Ich hab gehört, was passiert ist. Es tut mir leid, dass ich dir nicht zur Seite stehen konnte“, Jensen befand sich allem Anschein nach in einer depressiven Phase, „ich bin froh, dass dir nichts passiert ist. Lebensrettung scheint dein neues Hobby zu sein.“ Jared setzte sich neben Jensen aufs Bett, „ich wünschte ich hätte Jarvis Mouser auch retten können. Er war doch noch ein halbes Kind.“ „Ein Kind, das aufs Töten programmiert worden war. Du hattest keine Wahl“, Jensen lehnte sich leicht an ihn. „Das hat der Chief auch gesagt. Apropos, Joys Vernehmung hat nichts Neues ergeben, sie schwört Stein und Bein, nichts von alldem gewusst zu haben“, seufzte Jared, „wie zum Henker hat Helen es angestellt uns alle vorzuführen?“ Nachdenklich nagte Jensen an seiner Unterlippe, „ich bin das bestimmt schon tausendmal durchgegangen“, sagte er leise, „und je öfter ich es tue, desto mehr komm ich zu dem Schluss, dass es vielleicht doch nicht Helen war, die neben meinem Bett gestanden hat.“ Jared war verwirrt, „was jetzt? Wieso?“ „Die Art wie sie sprach, ich weiß nicht. Du hast selbst gesagt, ich sei voll auf Droge gewesen. Außerdem hab ich lediglich ihren Umriss gesehen und ihr Parfum gerochen, du hättest jede x-beliebige Frau hinstellen können. Ich weiß nicht.“ Jensen fasste sich in den Rücken und stöhnte kurz auf, „ich denke, es wird Zeit für mein Schmerzmittel.“ Er griff zum Nachttisch, zog die Schublade auf und holte eine Tablette heraus. „Dein Geheimvorrat? Was hast du noch da drinnen Hasch, Koks?“ unkte Jared. Jensen grinste schief und spülte die Tablette mit einem Schluck Mineralwasser hinunter. „Es gäbe eine Möglichkeit, festzustellen, ob es tatsächlich Helen war, die dir ihre Aufwartung gemacht hat, um dich ins Jenseits zu befördern. Wir buddeln sie aus.“ Jensen verschluckte sich beinahe ob Jareds Aussage. „Das ist doch nicht dein Ernst“, sagte er sichtlich mitgenommen. „Joy hat ebenfalls erwähnt, dass sie Helen nach ihrem Tod ein paar Mal gesehen hätte“, gab Jared zu bedenken. „Ich weiß, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir mit dem bisschen, das wir glauben zu wissen, einen Gerichtsbeschluss für eine Exhumierung erwirken können“, sagte Jensen. „Immerhin geht es um die nationale Sicherheit. Wir jagen hier längst nicht mehr nur einen verrückten Sektenguru. Mittlerweile gab es hunderte Tote und heute Nachmittag konnten wir die nächste Katastrophe nur knapp verhindern. Ich denke nicht, dass sich jemand querlegen wird“, Jared warf einen besorgten Seitenblick auf seinen Partner. „Du musst durch die Hölle gehen, Ice. Wenn du willst, kümmere ich mich um die Angelegenheit.“ Jensen schluckte, er hatte Tränen in den Augen, als er Jared ansah und sagte, „ich will dabei sein, wenn ihr sie rausholt. Das ist mein gutes Recht. Schließlich wäre ich damals beinahe selbst draufgegangen. Ich will mit meinen eigenen Augen sehen, ob sie tatsächlich aus ihrem Grab gestiegen ist, um sich an mir zu rächen, warum auch immer.“ tbc
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Der Tag war grau und Wolken verhangen. Genau der richtige Zeitpunkt, um eine Exhumierung durchzuführen, dachte Jensen. Er hatte den Kragen seines Mantels hochgeschlagen. Trotz des Einwandes der Ärzte, hatte er sich nach knapp vier Wochen selbst aus der Klinik entlassen. Die Schmerzen waren erträglich, sobald er eine Dosis dieser Pillen intus hatte, die er eigentlich nur dann nehmen sollte, wenn er es kaum noch aushielt.
In der Früh hatte er beschlossen, dass heute so ein Tag war. Die Schmerzen würden unerträglich werden, weshalb sollte er dann nicht schon vorsorgen? Ebenso mürrisch wie er selbst ging Jared neben ihm. Mit seiner Lederjacke von Armani, wirkte er beinahe fehl am Platz. Er gehörte eher auf den Laufsteg einer Fashion Show. Irgendwie beneidete Jensen seinen Partner, selbst wenn er sich Scheiße fühlte, sah er noch gediegen aus. Das konnte er von sich nicht behaupten. Die Friedhofsverwaltung hatte einen kleinen Bagger zur Verfügung gestellt, was die Sache erheblich beschleunigen würde. Eine stattliche Menge Erde hatte sich am Rand des Grabes angesammelt, als der Baggerfahrer vom Totengräber ein HALT zugerufen bekam. Der kleine drahtige Kerl sprang behände in die Grube und erledigte den Rest mit der Hand. Er legte den schweren, weißen Metallsarg frei. Dann machten sich die Leute daran, mittels einer Hebevorrichtung das Ding herauszuholen. „Was haben ihre Eltern dazu gesagt?“ wollte Jared wissen. Jensen winkte ab, „frag lieber nicht. Ich weiß nicht, wie O’Rourke die Sache durchgesetzt hat und ich will es auch gar nicht wissen. Jedenfalls sprudelt mein AB über vor wüsten Drohungen und Beschimpfungen von Helens Eltern und natürlich von Lester. Ihnen ist es furzegal, dass Joy im Gefängnis hockt, darüber haben sie bis jetzt nicht mal ein Wort verloren, aber das wir Helen ausbuddeln, kommt einem Attentat auf die Vereinigten Staaten gleich. Bei ihnen komm ich sicher noch lange vor Osama bin Laden.“ Jared schüttelte den Kopf. Der Sarg wurde auf einen fahrbaren Untersatz gestellt und in die Aufbahrungshalle gerollt. „Wenn ich könnte, würde ich am liebsten auf und davon rennen und nie mehr anhalten“, murmelte Jensen. „Hör zu Ice, du musst das nicht machen. Ich hab hier“, Jared klopfte auf die Brusttasche seiner Designerjacke, „ein Foto von Helen. Ich kann das ebenso gut ohne dich erledigen.“ Jensen schloss für ein paar Sekunden die Augen, „nein, ich mach es“, flüsterte er, nachdem er sie wieder geöffnet hatte. Der Totengräber und seine Helfer entriegelten den Sargdeckel an der Ober- und Unterseite, er war zweigeteilt. Als er angehoben wurde, hielt Jensen die Luft an. Er wusste nicht, was er erwarten sollte. Entsetzt machte er einen Schritt zurück. Der Sarg war nicht leer, aber es war nicht Helen, die drinnen lag, sondern eine völlig unbekannte Frau. Jared bemerkte wie sein Partner jegliche Gesichtsfarbe verlor und ins Wanken geriet. Ohne zu zögern, stand er sofort an seiner Seite, „das ist nicht Helen“, flüsterte Jensen, „das ist nicht Helen.“ Eine Stunde später saßen sie gemeinsam mit O’Rourke, dem Coroner und ein paar anderen wichtigen Leuten im Konferenzzimmer des Departments. Der Leichenbestatter schwor Stein und Bein Helens sterblichen Überresten ein perfektes Aussehen verpasst zu haben und nein, sie sei anschließend nicht quietsch fidel hinaus spaziert, sondern wurde von ihm höchstpersönlich in den Sarg gelegt. Wenn es nicht so tragisch gewesen wäre, hätte man darüber eine Komödie schreiben können, schoss es Jared durch den Kopf. Mindestens ein Dutzend Personen hatten Helens Leiche gesehen und ihren Tod bezeugt. Jensen war einer von ihnen gewesen. Zwar gab es nicht gerade viel von ihrem Gesicht, das man hatte identifizieren können, doch ihr Gebissabdruck stimmte zweifelsohne überein. Wenn der auch gefälscht war, dann nahm die Sache Dimensionen an, die mit Sicherheit den Einsatz von CIA oder FBI erforderten. Ganz zu schweigen von den internen Untersuchungen. Aber daran glaubte auch Jensen nicht. Die unbekannte Tote im Sarg blieb weiterhin ein Rätsel. Die Besprechung wurde ergebnislos abgebrochen, Jensen und Jared gingen ins Verhörzimmer, wo mittlerweile Joy Platz genommen hatte, nachdem sie vor ein paar Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden war. Es gab einfach zu wenig Beweise, um sie länger festzuhalten. „Helen lag also nicht in dem Sarg, sondern irgend eine alte verschrumpelte Lady“, es war keine Frage, sondern eine Feststellung und Joy war nicht weniger verwirrt, als Jensen. „Kann ich die Leiche und den Sarg vielleicht sehen?“ „Wozu, denkst du wir binden dir hier einen Bären auf?“ schnappte Jensen. Joy schüttelte den Kopf, „natürlich glaub ich dir. Es ist nur… Ach ich kann dir nicht sagen weshalb. Ich will es einfach nur mit meinen eigenen Augen sehen.“ Mittlerweile war der Sarg samt Inhalt in die Gerichtsmedizin gebracht worden und die befand sich im Keller des Gebäudes. Da Jensen auf eine Wiederholung von heute Mittag freiwillig verzichtete, ließen er und Jared sie alleine hineingehen. Umso mehr waren sie über Joys Kommentar verblüfft, als sie nach knapp zehn Minuten zurückkehrte. „Das ist der falsche Sarg. Ich meine auf den ersten Blick ist es das gleiche Modell und alles, bis auf die Griffe und das Futter hat auch die falsche Farbe.“ Als Beweis zog Joy Fotos aus ihrer Tasche und breitete sie auf den kleinen Tisch aus Edelstahl aus. „Ihr könnt mich morbide nennen, aber als Helens Leiche aufgebahrt war, hab ich mir erlaubt ein paar Fotos zu machen.“ Sie deutete auf ein Bild, das Helens Sarg von der Seite zeigte, tatsächlich die Griffe waren anders. Als Jensen das Foto von der toten Helen sah, wie sie so friedlich dalag, verspürte er einen Stich im Herzen. Er hatte damals ausdrücklich darauf verzichtet, sie noch einmal anzusehen. „Und hier seht ihr das Futter, es ist cremefarben und nicht weiß. Das kann nur eines bedeuten, die Särge wurden vertauscht.“ „Die Sache wird immer bizarrer“, meinte Jared indigniert, „wer stiehlt denn bitte nen Sarg samt Inhalt und weshalb?“ „Wenn wir darauf die Antwort wissen, haben wir auch unseren Schuldigen“, Joys Stimme klang bestimmt. „Täusche ich mich, oder hast du bereits einen Verdacht?“ fragte Jensen. „Nennen wir es eher eine vage Vermutung“, Joy sammelte die Bilder zusammen, „habt ihr Zeit für einen Kaffee? Aber einen richtigen, nicht das Gesöff, das ihr hier zusammenbraut.“ Da sie keine Zuhörer wollten und sich Jensen nicht gerade wohl fühlte, die Verletzungen setzten ihm, trotz der Medikamente, vehement zu, lud Jared sie in sein Haus ein. Dort angekommen stellten sie fest, dass es der gute Jared jederzeit mit dem besten Bistro in der Stadt aufnehmen konnte. Er und Jensen warteten nun gespannt auf Joys Meinung zu den bisherigen Geschehnissen. Zuerst wandte sie sich an Jensen, „es tut mir wahnsinnig leid, was dir zugestoßen ist“, zärtlich strich sie über seine Wange, „und ich wünschte ich könnte es ungeschehen machen, alles. Die Sache mit Helen und deinen schrecklichen Unfall, der ja keiner war, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Es ist nicht gerade die feine englische wenn jemand an deinem Lenksystem und den Bremsen herum manipuliert. Gestern ist mir Helen übrigens wieder erschienen.“ Sie sagte es so, als würde sie den Wetterbericht lesen. Jared schnappte hörbar nach Luft und Jensen hätte sich beinahe das Mineralwasser über die Hose gekippt. „Noch einmal zum mitschreiben“, bat Jared. „Ich war vorgestern bei einer alten Schulfreundin eingeladen. Sie feierte Verlobung. Bin erst gestern spät abends heimgekommen. Ich hatte sofort den Verdacht, dass jemand in meiner Wohnung gewesen ist. Schob es auf der anderen Seite aber wieder darauf zurück, dass ich übermüdet und unausgeschlafen war. Jedenfalls hab ich mir noch ein Glas Milch gegönnt und einen Muffin, den mir meine Freundin mitgegeben hat.“ „Worauf willst du hinaus?“ drängte Jensen. „Ich bin nachher gleich ins Bett gegangen und eingeschlafen. Ich hab keine Ahnung wann ich wieder aufgewacht bin, aber ich fühlte mich völlig benommen und nahm meine Umgebung kaum wahr. Und da war sie wieder: Helen. Sie sprach auf mich ein und mir kam es so vor, als wollte sie mich mürbe machen und mich zum Selbstmord überreden.“ Jensen und Jared waren sichtlich betroffen. „Auf jeden Fall hat der Spuk einige Zeit gedauert. Irgendwann bin ich dann wieder eingeschlafen und heute Vormittag aufgewacht. Mein erster Gedanke war die Milch, oder besser das jemand die Milch mit Drogen versetzt hatte. Den Muffin hatte ich ja mitgebracht. Ich öffnete also die Kühlschranktür und siehe da, die Packung war noch da. Das heißt ich dachte zuerst, sie war noch da, aber dann sah ich auf das Ablaufdatum und das war ein ganz anderes. Seit wann manipulieren Geister Waren aus dem Supermarkt? Und auch mein Glas, ich hatte es in die Spüle gestellt, nun stand es blitzeblank im Schrank. Den Geist lad ich mir öfter ein.“ „Wenn ich dich nicht so gut kennen würde Joy und mir nicht auch so einiges merkwürdig vorkommen würde, könnte man denken, du hättest einen an der Waffel“, Jensen lachte verbittert. „Weil mir diese unheimliche Begegnung dann absolut keine Ruhe lies“, fuhr Joy fort und schenkte Jensen ein breites Grinsen, „fing ich an, auf Spurensuche zu gehen. Siehe da, ich wurde fündig. Ich fand doch tatsächlich ein langes braunes Haar. Ungefähr die Haarfarbe, die Helen immer hatte. Doch dieses Haar war nicht echt. Es stammte von einer Perücke.“ „Woher willst du das wissen?“ Jared warf ihr einen fragenden Blick zu. „Weil ich den Feuerzeugtest gemacht habe. Echtes Haar raucht und stinkt erbärmlich wenn man es in eine Flamme hält, Kunsthaar zieht sich zu einem Klumpen zusammen und ist geruchlos.“ „Deine Helen trug also eine billige Perücke“, konstatierte Jensen. Joy nickte, „Bingo und noch etwas ist mir aufgefallen, ein Schuhabdruck in meinem flauschigen Teppich. Ich weiß, man soll nicht schlecht über Tote reden, aber Helen hatte große Füße, Schuhgröße 41. „Meine“ Helen hatte höchstens 37.“ „Hier hat es also jemand auf ein großflächiges Täuschungsmanöver angelegt und meint, er oder sie könne die Leute damit in den Wahnsinn treiben“, fauchte Jared, „ihr solltet in der nächsten Zeit mit nem Revolver unter dem Kopfkissen schlafen und zuerst schießen und dann fragen, wenn „Helen“ wieder bei euch auftaucht.“ „Zwei doofe ein Gedanke“, lachte Joy, sichtlich erleichtert, ihre Story endlich jemandem erzählt zu haben, sie glaubte schon, den Verstand zu verlieren, „ich hab mir gedacht, dass Helen wohl demnächst wieder kommen wird und wir ihr dann eine Falle stellen sollten. Um die Sache jedoch nicht dem Zufall zu überlassen, sollten wir die Exhumierung publik machen und gleichzeitig darauf hinweisen, dass es in Bezug auf den Sarg einige Ungereimtheiten gibt, das wird unser Phantom garantiert hinter dem Ofen hervorlocken. Außer mir, weiß niemand, dass ich Fotos am Tag der Aufbahrung gemacht habe. Ich wusste, dass meine Eltern und auch Lester, davon nicht angetan sein würden. Und Lester war es auch, der nach der Überführung des Sarges in die Kirche, darauf bestand, allein bleiben zu können, um sich in aller Stille von „seiner“ Helen verabschieden zu können.“ Die drei tauschten viel sagende Blicke. tbc
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Kapitel 17 |
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Am nächsten Morgen hatten sie sich im Büro mit Chief O’Rourke getroffen und ihn auf den neuesten Stand der Ermittlungen gebracht.
Nachdenklich hatte er sich am Kinn gekratzt und gemeint, „Leute wenn ich euch drei nicht so genau kennen würde, würde ich denken ihr leidet an Paranoia und seid unter die Verschwörungstheoretiker gegangen. Aber irgendetwas sagt mir, dass vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit in dieser Geschichte enthalten sein könnte. Woran ich absolut nicht glauben kann, ist, dass Helen noch unter den Lebenden weilt. Das will man uns anscheinend mit aller Macht glauben machen, wahrscheinlich, um uns von den eigentlichen Zielen dieser Gruppe oder was immer sie auch zu sein glauben, abzulenken. Und es ist für mich auch kaum zu fassen, dass sich Staatsanwalt Lester Durban als Advocatus Diaboli entpuppen könnte. Aber ich mochte dieses arrogante Arschgesicht ohnehin nie besonders. Verzeihen sie diesen Ausbruch Joy.“ Sie konnte nicht umhin zu grinsen, ebenso wenig wie Jensen und Jared. Ersterer war immer noch ein wenig blass um die Nase. „Dann wollen wir mal herausfinden, wo der gute Herr Staatsanwalt seine Achillesferse hat“, bemerkte Jared. Nachdem sie Kriegsrat gehalten hatten, gingen sie zurück auf ihre Plätze. Zu spät bemerkte Jared den weißen Umschlag auf Jensens Tisch. Der Absender war das Zentrallabor des Departments. „Nanu? Was wollen denn die von mir und dann noch so förmlich in einem Umschlag?“ wunderte sich Jensen. Jared wollte ihm das Kuvert aus der Hand reißen, „ich denke, das ist für mich. Die haben es bloß auf den falschen Tisch gelegt.“ Jensen drehte sich blitzschnell, damit Jared nicht danach greifen konnte, „es steht eindeutig MEIN Name drauf.“ Gespannt nahm er das Schreiben heraus. Was er da las, war für ihn wie ein ungebremster Aufprall aus einhundert Metern Höhe. Er musste sich setzen, die Luft blieb ihm weg. „Woher … wie kommen die zu diesem Ergebnis? Was soll das? Jared?“ Fragend sah er zu seinem Partner. Doch Jared wich Jensens Blick aus. „Ist das auf deinem Mist gewachsen?“ schnappte Jensen, „hattest du einen Gehörsturz? Ich will sofort eine Antwort, los!“ Er hielt ihm das Ergebnis des DNA-Tests unter die Nase. Jared riss ihm das Blatt aus der Hand und las, „Mann Ice, was regst du dich denn so chemisch auf? Hier steht doch nur schwarz auf weiß, was ich dir die ganze Zeit über gesagt habe, Joy ist NICHT deine Tochter. Jetzt nimm den Wisch und geh damit zu deiner Ex. Ab jetzt brauchst du keinen müden Cent mehr an sie zahlen.“ Jensen geriet dermaßen in Rage, dass er Jared am Kragen seines Lacoste-Poloshirts packte, „du hattest kein Recht das zu tun. Ab heute sind wir beide miteinander fertig, kapiert? Ich werde mich nach einem neuen Partner umsehen. Geh mir sofort aus den Augen.“ Jared riss sich los, „wie lange habe ich dir schon ins Gewissen geredet, es zu tun? Sei froh, dass ich es für dich getan habe. Du hättest dich dein ganzes Leben wie eine Weihnachtsgans ausnehmen lassen, weil deine Ex dir vorgegaukelt hat, Joy wäre deine Tochter. Kapier doch Ice, ich hab es nicht für mich oder sonst jemanden gemacht, sondern für dich.“ „Denkst du, das macht es leichter für mich? Ich liebe Joy, schon von klein auf war sie meine Prinzessin“, Tränen traten in Jensens Augen. Der Schmerz, der ihn durchfuhr raubte ihm den Atem. „Was ist denn hier los? Weshalb brüllt ihr andauernd meinen Namen?“ Joy war von der Toilette zurückgekehrt und hatte nur einen Bruchteil des Gesprächs mitbekommen. Im Gegensatz zu den anderen Leuten des Reviers, die sich bereits in Zweierreihen um Jensen und Jared versammelt hatten und anscheinend auf eine Prügelei hofften. „Es geht hier nicht um dich“, zischte Jared, „wir reden hier über Jensens vermeintliche Tochter.“ „Halt doch endlich die Klappe“, presste Jensen gequält zwischen den Zähnen hervor und kramte verzweifelt nach dem Schmerzmittel in seinem Schreibtisch. +++++ Am anderen Ende der Stadt brodelte es nicht minder. „Was für eine hirnrissige Idee war das, Cheyenne, dich als Helen auszugeben?“ Wütend schleuderte Lester Durban die dunkle Perücke durchs Zimmer. „Ich hab dir immer wieder gesagt, es reicht mit den Spielchen. Deine Aktionen gefährden unsere ganze Gruppe.“ „Ach ja?“ zischte Cheyenne und stemmte die Hände in die Hüften, „du warst nicht mal in der Lage Ivory um die Ecke zu bringen. Er war zugedröhnt bis oben. Wieso ist er nicht tot? Wieso spaziert er weiter durch diese Welt und stellt unangenehme Fragen? Wieso hast du deine Verlobte nicht schon längst wieder verbuddelt. Ich hasse es, das Haus mit einer Leiche zu teilen, selbst wenn sie in einem luftdichten Bleisarg im Keller liegt. Wie oft warst du schon da unten und wärst am liebsten zu ihr hineingekrochen, um es ihr zu besorgen?“ Lester holte aus. Seine flache Hand traf laut klatschend auf Cheyennes Wange. Ihr Kopf wurde zurückgeworfen. Als sie ihn wieder ansah, sickerte Blut aus ihrem linken Mundwinkel. Genüsslich leckte sie es ab, „hab ich dich etwa wütend gemacht?“ Sie trat zu ihm hin und strich mit sanften Druck über seinen Hosenschlitz. Augenblicklich wurde er hart. „Siehst du, ich habe dir verziehen, dass du so böse warst und mich geschlagen hast. Willst du mir deine Liebe nicht beweisen?“ Es kostete ihn enorme Überwindung von ihr zurück zu treten. „Wir sollten zusehen, dass wir unsere Sachen packen. Ich denke, wir sind hier nicht mehr sicher.“ Cheyenne schnitt eine Grimasse, „so schnell wird uns schon niemand finden. Mich halten sie für tot und dich würden sie doch sowieso nicht verdächtigen.“ Als sie ihn erneut berühren wollte, hielt er ihr Handgelenk fest umklammert. „Autsch, du tust mir weh Lester“, quängelte sie, wie ein kleines Kind. „Das ist auch der Sinn der Übung Schätzchen. Ich habe genug Zeit mit dir verplempert. Es hat sich ausgespielt. Entweder tust du sofort, was ich sage, oder du kannst Helen in ihrem Sarg Gesellschaft leisten.“ Mit einem satanischen Lächeln ließ es von ihr ab. „Du mieses Schwein“, fauchte Cheyenne, „du hast mich nie wirklich geliebt oder? Für dich war ich nichts weiter ….“ „Als eine billige Nutte. Ein unvollkommener Ersatz für Helen. Und wenn du hundert Jahre alt wirst, erreichst du nie ihre Klasse. Du bist nichts weiter als ein Sexspielzeug für mich gewesen. Wie vermessen von dir zu denken, du wärst im Stande sie zu ersetzen.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und ließ sie alleine stehen, „wir fahren in ein paar Stunden denk dran“, rief er ihr dabei noch zu. „Du hast mich noch nicht erlebt, wenn ich wirklich wütend bin“, dachte Cheyenne und wischte sich mit dem Handrücken über den blutigen Mundwinkel. „Ich bin nicht so dumm, wie du denkst Lester.“ Sie kochte innerlich vor Wut, am liebsten hätte sie ihn erdolcht. Er hatte ihr all die Jahre über etwas vorgespielt. Das wusste sie jetzt. Dabei hatte sie ihm und seinem Vorgänger Triscal stets treu gedient. Sie hatte ihren Körper und ihre Seele an die Bruderschaft verkauft. Viele Neuzugänge und viele Tote gingen auf ihr Konto. Doch Lester wusste das nicht zu schätzen, er hatte sie jetzt, wo es darauf ankam, bitter enttäuscht und verraten. Noch nie zuvor hatte er ihr sein wahres Gesicht gezeigt. Er würde für alles was er ihr angetan hatte büßen, das schwor sie sich und anstatt zu packen, ging sie zum Telefon und wählte die Nummer ihrer Eltern. Die Gemüter im Polizeidepartment hatten sich wieder einigermaßen beruhigt. Nicht zuletzt, dank Joys Eingreifen. Jensen hatte Jared zwar noch immer nicht verziehen, doch sah er ein, dass sie in dieser kritischen Phase der Ermittlungen einander brauchten. Keiner konnte jetzt auf den anderen verzichten, dazu waren sie ein zu gut eingespieltes Team. Jensen zuckte unmerklich zusammen, als sein Telefon läutete. Gebannt blickten Jared und Joy zu ihm, „ja natürlich Sir, selbstverständlich, ich gebe ihnen meine E-Mail-Adresse“ „Wer war das?“ fragte Joy. „Bernard Fleming, seine Tochter Cheyenne hat gerade angerufen und ihr werdet nie erraten, was sie ihm verklickert hat.“ „Na sag schon Ice“, bat Jared ungeduldig. „Sie sagte, sie wäre in einem Anwesen in den Hills und würde dort gewaltsam von Lester Durban festgehalten. Also wenn wir jetzt keinen Grund haben, die Kavallerie zu holen, dann weiß ich nicht.“ Allgemeiner Jubel brach aus. „Fleming sendet mir die Nachricht per Email. Er hat das Gespräch mitgeschnitten.“ Keine fünf Minuten später, ertönte ein leiser Gong aus Jensens Computer. Die Nachricht von Cheyennes Vater war soeben eingetroffen. Deutlich war ihre Stimme zu hören. Sie sprach zwar leise, aber präzise und machte genaue Angaben über ihren derzeitigen Aufenthaltsort. Auch der Chief war dabei, als sie die Nachricht erneut abhörten. „Denkt ihr es könnte eine Falle sein?“ warf Joy ein, „ich finde es schon ein wenig bizarr, dass sich das Opfer einer Entführung dermaßen frei ihm Haus bewegen und telefonieren kann. Noch dazu weiß sie ganz genau, wo sie sich befindet. Da klingeln ganze Heerscharen von Alarmglocken in meinem Hinterkopf.“ Jensen nickte, „ich weiß, was du meinst, aber wir müssen das Risiko eingehen.“ „Um dann so zu enden, wie damals Helen?“ sagte Joy trocken. „Das hier läuft unter ganz anderen Spielregeln ab. Diesmal ist Lester Durban nicht in die Sache involviert“, versuchte Jensen sie zu überzeugen. „Wenn du mich fragst ein äußerst schwaches Argument“, meldete sich Jared zu Wort, „dass war er damals auch nicht und ihr seid trotzdem aufgeflogen. Lester ist vielleicht der Anführer, aber irgendjemand steht noch hinter ihm. Nämlich derjenige, nachdem die Puppen dann tanzen. Wer hat damals das Einsatzteam geleitet?“ Jensen überlegte kurz, „Kurt, Kurt Noble.“ „Alles klar. Chief, gibt es eine Möglichkeit, diesen Noble außen vor zu lassen, ich meine so dass er nichts von unserer Aktion mitbekommt“, wandte sich Jared an O’Rourke. „Eine knifflige Angelegenheit, er sitzt sozusagen direkt am heißen Draht.“ Er dachte kurz nach, dann meinte er, „gebt mir zehn Minuten, dann starte ich ein höllisches Ablenkungsmanöver, das ihn eine Weile beschäftigen wird. Danach fordert ihr das Second Unit des SWAT Teams an. Für dessen Leiter, Billy Churion, lege ich meine Hand ins Feuer.“ Suchend blickte sich O’Rourke um. „Was brauchen sie?“ frage Jensen. „Wen, wäre besser. Ich brauch nen Kerl mit ner richtigen Verbrechervisage.“ „ Shapiro!“ riefen Jensen und Jared gleichzeitig. Nach den heftigen Gewittern hatte sich das Wetter wieder beruhigt, was die Temperatursäule auf mehr als dreißig Grad klettern ließ. Trotz der Hitze trugen Jensen, Jared und Joy, die ihnen in ihrem Wagen folgte, schusssichere Kevlar-Westen. Die waren zwar um einiges leichter, als die alten, doch brachten sie ihren Träger trotzdem zum Schwitzen. „Du könntest dich als Stuntdriver in Hollywood bewerben, wenn dir der Polizeialltag auf den Keks geht“, feixte Jensen. Jared fuhr, gelinde gesagt, wie eine gesengte Sau. „Hab ich schon, aber ich soll noch mehr üben“, stieg er darauf ein und verriss kurz den Wagen, um eine Frau samt Kinderwagen nicht niederzumähen. „Joy hat wirklich nicht unrecht mit dem was sie über Cheyenne gesagt hat. Ich meine, sie ist doch schon vor ein paar Wochen entführt worden. Jarvis Mouser kehrte als willenloser Zombie zurück und Cheyenne Fleming lebt putzmunter in einer Herrenvilla in den Hills?“ „Ihr Glück, das Lester nicht auf Knabenärsche steht. Vielleicht wollte er sich noch eine Weile mit der kleinen Vergnügen, ehe er sie als wandelnde Bombe durch die Gegend schickt“, entgegnete Jared, „andererseits würde diese Cheyenne sowieso viel zu viel Aufsehen erregen. Hast du dir denn das Video nicht angesehen? Sie sieht aus, wie die junge Pamela Anderson.“ „Wie oft hast du dir das Video und die Fotos denn rein gezogen?“ Jensen stupste ihn von der Seite. „Lass das, wenn du in einem Stück bei der Villa des Schreckens ankommen willst“, meinte Jared. Die Straßen in den Hollywood Hills waren ziemlich steil und sehr unübersichtlich. Daher beschlossen sie, die Fahrzeuge auf einem Gästeparkplatz einige hundert Meter vor ihrem eigentlichen Ziel zu parken. Den lautstarken Protest des Besitzers erstickten sie mit dem Vorzeigen ihrer Dienstausweise. Sofort zog sich die grell geschminkte Alte mit ihrer Turmfrisur und ihren Hündchen zurück ins Haus. „Wenn’s finster ist, möchte ich der auch nicht begegnen“, murmelte Jared. Joy schüttelte lachend den Kopf. Jensen hatte die Vorhut übernommen. Im Moment konnten sie nur abwarten, da sie noch immer nichts von Chief O’Rourke gehört hatten. Sie hofften, sein Plan würde aufgehen. Jensens Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Das Display zeigte O’Rourke. „Chief?“ er bemühte sich äußerst leise zu sprechen. „Phase eins der Aktion ist angelaufen. Ich habe soeben Churion und seine Leute informiert, sie müssten gleich zu Euch stoßen. Wo genau seid ihr?“ Jensen lief zurück zum Ausgangspunkt und gab die Adresse durch. „Danke Chief und sagen sie den Jungs, sie sollen hier nicht wie eine Elefantenherde einfallen. Wir haben ohnehin schon genug Aufmerksamkeit erregt und viel mehr soll es nicht werden. Sonst ist der gute Lester am Ende noch gewarnt“, unliebsame Erinnerungen tauchten ausgerechnet jetzt vor Jensens geistigem Auge auf. „Keine Bange, wir werden das Kind schon schaukeln“, versprach der Chief. Jared und Joy hatten einen Teil der Unterhaltung mitbekommen. Zu dritt gingen sie zurück zu ihren Fahrzeugen und beschlossen auf die Kavallerie zu warten. Jared spielte mit seiner Dienstmarke, „und konntest du irgendwas sehen, als du beim Haus warst, zum Beispiel, ob es bewacht wird oder nicht?“ Jensen schüttelte bedauernd den Kopf. Da vernahmen sie das Geräusch von Rotorblättern. Ein Hubschrauber begann um das Gebiet zu kreisen. „Könnten Paparazzi sein, oder auch unsere Leute“, sagte Joy und hielt sie die Hand schützend vor Augen, die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel. „Wenigstens gehören die Dinger hier zur Tagesordnung, bei den vielen Promis die da wohnen, schöpft sicher niemand verdacht“, murmelte sie. Es dauerte noch weitere zehn Minuten, dann traf das Second Unit des SWAT-Teams unter der Leitung von Bill Churion bei ihnen ein. Er stellte sich den Dreien mit einem festen Händedruck vor. „Chief O’Rourke hat mich und meine Leute ausführlich in einer Videokonferenz gebrieft. Er hat sie, Detective Ivory, zum Leiter der Operation erklärt. Ein Wort von ihnen und wir schlagen zu.“ Jegliche Farbe wich aus Jensens Gesicht, „du meine Güte, ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage bin, ich meine….“ „Papperlapapp, du machst das schon Ice. Wir haben das schon so oft auf der Playstation geübt“, Jared klopfte ihm übertrieben fest auf die Schulter, „denk einfach wir sitzen gemütlich daheim auf der Couch und spielen ne runde Counterstrike.“ „Schön wär’s“, grummelte er, dann sagte er laut und deutlich zu Churion, „lasset die Spiele beginnen.“ Dieser tippte sich kurz an den Helm und trommelte seine Leute zusammen. „Habt ihr das gesehen Jungs?“ Joy blickte dem schmucken SWAT-Teamleader hinterher, „der trägt die volle Montur und gerät dabei nicht mal ins Schwitzen. Den würd ich sicher nicht von der Bettkante stoßen.“ Jared und Jensen sahen einander an und schüttelten ihre Köpfe, „scheiße, ich hätte zum SWAT-Team gehen sollen. Die Mädels sind immer noch geil auf Männer in Uniform“, ärgerte sich Jared. Dann folgten sie den Jungs in schwarz, die sofort anfingen, ihre Stellungen zu beziehen. Zwischen dem Haus und den Männern war nur noch eine kleine dichte Allee. Die Büsche blühten in voller Pracht und das satte Grün rundherum bot eine perfekte Tarnung. „Wie wollen sie vorgehen?“ fragend sah Churion zu Jensen, der noch immer ein wenig unentschlossen wirkte. Nach einer knappen Minute antwortete er, „ich geh einfach hin und klingel, mal sehen, ob mir jemand aufmacht. Wenn nicht, dann stürmen wir die Bude.“ Sie nickten sich kurz zu. Als Jared und Joy sahen, wie Jensen die Tarnung verließ, wurde ihnen beinahe übel. „Dein Partner hat effektiv Todessehnsucht“, flüsterte Joy, „anders kann ich mir sein Vorgehen nicht erklären.“ Wie erwartet reagierte niemand auf Jensens Läuten oder Klopfen. Die Tür blieb zu. Vorsichtig drehte er am Knauf, doch es war abgeschlossen. Er gab Churion ein Zeichen und schon eilten vier Mann mit einem Rammbock zu ihm. Nach dem dritten Versuch zersplitterte das massive Holz und das Team konnte ungehindert eindringen. Was jedoch niemand geahnt hatte, war, dass sie bereits in der Empfangshalle von einem "Begrüßungskomitee" erwartet wurden. Eine Maschinengewehrsalve nach der anderen zerfetzte die teure Holztäfelung und Splitter des Marmorfußbodens spritzten in die Höhe. Einer von Churions Männern wurde am Auge getroffen und brach blutend zusammen. „Wie konnten sie das wissen?“ schrie Jared. „Ich nehme an, sie haben Kameras auf dem Gelände installiert. Außerdem gibt es vielleicht noch mehr undichte Stellen, als wir denken“, rief Jensen zurück. Lesters Leute kannten sich vielleicht im Haus aus, was ihnen einen kleinen Vorteil verschaffte jedoch waren sie allesamt miese Schützen. Ihre Schüsse gingen meist ins Leere. Das SWAT-Team hatte sich rasch von dem „freundlichen Empfang“ erholt. Taktisch waren sie den Kämpfern der Bruderschaft um einiges überlegen. Einer nach dem anderen gab sein Leben in dem sinnlosen Kugelhagel und obwohl sie Churion mehrfach zur Aufgabe aufforderte, feuerten sie weiter aus vollen Rohren. Die Männer in schwarz arbeiteten sich gezielt ins Haus vor. Tief erschüttert mussten sie erkennen, dass sich die Männer, die sich ihnen entgegenstellten größtenteils noch Kinder waren oder zumindest Teenager. Das Feuergefecht in der Empfangshalle hatte einige Minuten gedauert. Viele der jungen Kämpfer hatten, nachdem sie sahen, wie ihre Brüder im Kampf gefallen waren, den Rückzug angetreten. Unbarmherzig wurden sie jedoch von Churions Leuten verfolgt und gestellt. Jensen, Jared und Joy waren mit einem Teil der Männer hinunter in den Keller gegangen. Joy meinte in all dem Lärm die Schreie einer Frau gehört zu haben. „Hörst du daheim auch die Flöhe husten?“ erkundigte sich Jensen mit einem Augenzwinkern. „Ja klar und wenn ich besonders gut drauf bin, singen wir zusammen sogar Schlaflieder“, ulkte sie. Churion legte seinen Finger auf den Mund und brachte sie damit zum schweigen. Erneut fühlte sich Joy in die Kulisse eines Hollywoodstreifens versetzt. Der Keller bestand aus einem unterirdischen Gewölbe, dass durch Fackeln erhellt wurde. Die Flammen waren elektrischer Natur, doch flackerten sie genauso wie echte, um den Schein zu wahren. Ihre Körper warfen bizarre Schatten an die Wände und auf den Boden. Weiter hinten konnten sie hören, wie eine Frau und ein Mann miteinander stritten. „Du dreckige, kleine Nutte, ich hätte dich umbringen sollen, als noch Zeit dafür war“, sagte der Mann. „Dann tu’s doch jetzt, ich scheiß auf dich und deine Religion. Triscal hatte wenigstens Charisma und war eine Granate im Bett. Du wirst ihm nie das Wasser reichen können. Deine Gefolgsleute liegen da oben in ihrem Blut, während du dich feige hier unten verkriechst, beim Sarg deiner Geliebten“, Cheyenne spuckte ihm verächtlich ins Gesicht. Wutentbrannt stürzte er sich auf das Mädchen und drückte ihr die Kehle zu. In dem Moment sprang Jensen aus seinem Versteck und legte die Waffe auf ihn an. „Lass sie los Lester, die Show ist zu Ende, wir wissen alles“, das war zwar ein kleiner Bluff, aber das konnte sein Gegner ja nicht wissen. Lester erstarrte einen Augenblick, dann zog er Cheyenne in die Höhe und benutzte sie als lebendigen Schutzschild. Gleichzeitig griff er nach der Beretta, die in seinem Hosenbund gesteckt hatte und hielt sie dem Mädchen an die Schläfe. „Und Jensen, könntest du es noch einmal ertragen eine Frau sterben zu sehen und zu wissen, dass es deine Schuld war?“ „Helens Tod war nicht MEINE Schuld“, gab Jensen gereizt zurück, „du warst derjenige, der uns verraten hat, du und deine Truppe von Geistesgestörten. Wieso hast du Helen getötet? Du hättest ebenso gut mich haben können?“ Diese Frage brannte Jensen schon lange auf dem Gewissen. „Ich musste sie für ihre Untreue bestrafen. Du hast sie gehabt und besudelt, ich wollte sie nicht mehr. Ich konnte dich an ihr riechen und das hat mich verrückt gemacht, irre, verstehst du?“ Lester wirbelte mit der Waffe herum und lachte dabei hysterisch. „Wie armselig Lester. Wenn du Helen so gehasst hast, weshalb steht dann ihr Sarg in deinem Keller?“ drang Jensen weiter in ihn. „Niemand sollte sie haben, weder lebendig noch tot. Es war so eine Genugtuung, dich am Grab einer Fremden zu sehen, Wochen nach der eigentlichen Beerdigung. Zum Glück hatten ihre Eltern auf mich gehört und dich von der Beisetzung ausgeschlossen. Ich war der einzige, der Helen jemals besessen hat, selbst über ihren Tod hinaus.“ „Du bist ein krankes, perverses Arschloch“, Joy trat ebenfalls aus der Dunkelheit hervor und zielte auf Lester, „es wird ziemlich eng für dich Lester mein Bester. Du kannst nicht Jensen und mich gleichzeitig erledigen, also auf wen wird deine Wahl fallen?“ Der Schweiß lief in Strömen über Lesters Gesicht. Churion fluchte über das eigenmächtige handeln von Joy. Sie stand nun genau zwischen dem Irren und dem SWAT-Team. „Du kommst hier nicht mehr lebend raus Lester, außer du legst die Waffe weg“, sagte Jensen. „Immer ganz der smarte Detective. Das hat sie so an dir geliebt. Deine lockere und doch korrekte Art“, Lester spuckte die Wörter förmlich aus und drückte sie Waffe noch fester gegen Cheyennes Schläfe. Panisch kreischte sie auf. Jensen und Joy versuchten vergeblich ihn ins Visier zu nehmen, es würde nicht funktionieren, ohne die Geisel dabei zu gefährden. „Leg die Waffe weg Lester“, Joys Stimme wurde eindringlicher. „Weshalb, ihr killt mich doch sowieso, wenn nicht heute, dann irgendwann auf dem elektrischen Stuhl oder mit der Giftspritze. Wenigstens konnte ich vorher noch ein paar Zeichen setzen. Ihr werdet auch nach meinem Tod ein paar explosive Überraschungen erleben. Wenn ich von dieser Welt gehe, dann geht auch ein Teil von dieser Stadt mit mir.“ Er lachte wieder hysterisch. Geschockt, über das was er soeben gehört hatte, informierte Churion das ATF über die gefährliche Situation. „Kann es sein, dass es nur leere Worte sind, die du in deiner großen Verzweiflung von dir gibst?“ Jensen fixierte ihn mit seinen Blicken. „Das werdet ihr noch früh genug herausfinden. Lester wird als Genie in die Geschichte eingehen. Als jemand, der die Welt verbesserte“, pries er sich selbst. Er hatte wirklich jegliche Bodenhaftung verloren. Sein Verstand war total aus den Fugen geraten, „und jetzt verzeiht mir, wenn ich mich von Euch verabschiede, es wartet noch Arbeit auf mich. Er tippte mit der linken Schuhspitze unmerklich an die Kante des Podestes auf dem Helens Sarg stand. Völlig überraschend für alle, öffnete sich blitzschnell eine Klappe unter seinen Beinen und er verschwand vor den Augen aller in der Tiefe. Ohne zu zögern, sprangen Joy, Jensen, Jared und die anderen einer nach dem anderen in die Öffnung. Die Rutschpartie dauerte nur einige Sekunden und sie landeten recht unsanft erneut einige Etagen tiefer in einem anderen Gewölbe. Hier war es jedoch stockdunkel. Fluchend suchten sie nach ihren Taschenlampen. Cheyennes verzweifelte Schreie, wiesen ihnen den Weg. „Verdammter Scheißkerl, der könnte im Zirkus auftreten“, brüllte Jensen und verschwand in der Dunkelheit. Die Gänge waren angelegt, wie ein Labyrinth. Was war das? Bildete sich Jensen das nur ein, oder hörte er tatsächlich das Geräusch eines Motors? „Batman hätte sich hier wohl gefühlt“, Jared kam völlig außer Atem bei Jensen an, der zustimmend nickte. „Und wenn ich mich nicht irre ist Lesterman drauf und dran mit der Kleinen abzuhauen. Das müssen wir unbedingt verhindern." Unvermittelt endete der Gang in einer Garage, in der sich einige Enduros befanden. „Ach du heilige Scheiße, ich bin schon Ewigkeiten nicht mehr auf so einem Ding gesessen“, rief Jared und freute sich wie ein kleines Kind. Sie sahen gerade noch die roten Rücklichter von Lester Maschine. „Ich mochte diese Dinger zwar nie, aber drauf geschissen“, murmelte Jensen, schnappe sich eine KTM und trat den Kickstarter durch. Nach dem zweiten Versuch sprang der Motor an. Jared wäre beinahe von seiner Enduro geplumpst, als er sah, wie elegant sich Joy ins Zeug legte. „Mädchen, wo hast du das gelernt?“ rief er ihr hinterher, doch sie war schon längst außer Hörweite. Die Enduro war ein wunderbares Gefährt, um sich durch die Hügel von Hollywood zu bewegen. Allerdings kam Lester nicht so voran, wie er es sich gedacht hatte. Cheyenne wurde zum lästigen Ballast. Bei nächst bester Gelegenheit, stieß er sie unsanft vom Sitz und sie flog in hohem Bogen einen kleinen Abhang hinunter, an dem sie reglos liegen blieb. Jensen, der Lester dicht auf den Fersen war, beobachtete das ganze doch er dachte nicht daran, die Verfolgung aufzugeben. Die Leute im Hubschrauber würden sich sicher um das Mädchen kümmern. Sein Gegner hatte große Übung im Geländefahren. Jensen war seit zehn Jahren nicht mehr auf so einem Ding gesessen und musste höllisch aufpassen, nicht abgeworfen zu werden. Mit großen Augen sah er, wie Joy in seinem Rückspiegel immer größer wurde und aufholte. Jared hingegen fuhr grottenschlecht. Das kam davon wenn man seinen Hintern immer nur in Ferrarisitzen platt drückte. Joy schien eine kleine Göttin auf zwei Rädern zu sein. Nicht nur dass sie es schaffte, Jensen zu überholen. Schließlich gelang es ihr auch noch mit Lester auf gleiche Höhe zu kommen. Immer wieder versuchte sie ihn abzudrängen, was ihn deutlich langsamer werden lies. Auf sie schießen konnte er nicht, denn er musste mit beiden Händen die Lenkstange festhalten, um nicht zu stürzen. Jetzt holte auch Jensen auf und so konnten sie Lester in ihre Mitte nehmen. „Gib auf, du hast verloren!“ schrie er um das Getöse der Motoren zu übertönen. Sie waren nur noch wenige Meter von einem steilen Abhang entfernt. „Lester bleib stehen, das ist es nicht wert“, redete Joy auf ihn ein, „dort vorne ist der Weg zu Ende.“ „Und wenn schon, ich sterbe und mit mir sterben noch tausend andere Leute“, sein Größenwahn hatte den Höhepunkt erreicht, „niemand ist Herr über MEIN Leben. Ich gehöre nur mir.“ Während Jensen und Joy scharf bremsten, um nicht den Abhang zu stürzen, jagte Lester mit dem Motorrad über die Kante hinweg. Der Motor heulte ein letztes Mal laut auf, dann stürzte Lester mit seiner Enduro in die Tiefe. Das Motorrad explodierte beim Aufprall augenblicklich. Instinktiv hoben Jensen und Joy schützend ihre Hände vor die Augen. Der Knall war sicher meilenweit zu hören gewesen. Nun stieß auch Jared zu ihnen. „Hat er nicht gesagt, er wollte mit einem Bums abtreten?“ grinsend sah er zwischen den beiden hin und her. Kurz darauf trafen die Rettungskräfte am Unfallort ein. Die Feuerwehr musste den Brand umgehend unter Kontrolle bringen, damit er sich nicht ausbreiten konnte. Zum Glück waren die Büsche durch den starken Regenfall der letzten Tage nicht so ausgetrocknet wie sonst. Die Bestätigung von Lesters Tod kam ungefähr eine halbe Stunde später. Alle hatten sich wieder am Herrenhaus eingefunden. Cheyenne war in eine Klinik gebracht worden und hatte der Polizei „ganz selbstlos“ die Verstecke jener Bomben genannt, die Lester über seinen Tod hinaus berühmt machen sollten. Alle waren erfolgreich entschärft worden. „Damit hat sie ihren Hals gerade noch aus der Schlinge gezogen“, seufzte O’Rourke, die Staatsanwaltschaft hat einen Deal mit ihren Anwälten abgeschlossen, sie kommt lebenslänglich hinter Gitter. Vorzeitige Entlassung unmöglich.“ „Lester hat sich am besten aus der Affäre gezogen, feige Sau.“ „Joy, solche Töne bin ich ja gar nicht von dir gewöhnt“, Jensen tat entsetzt. „Du kennst mich eben viel zu wenig. Sonst hättest du wissen müssen, dass ich Juniorenmeisterin im Motocross war. Aber von diesen wilden Zeiten hat dir sicher nie jemand erzählt. Nicht mal Helen. Du kennst mich nur als Bürozicke vom Dienst.“ Sie grinste ihm zu, dann wandte sie sich an O’Rourke, „Chief, wissen sie vielleicht ob Churion verheiratet ist?“ „Nein, bin ich nicht“, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um. Der SWAT-Teamleader war völlig durchgeschwitzt. Trotzdem umarmten sich die beiden. „Sie können jederzeit bei mir im Team anheuern“, meinte er mit einem strahlenden Lächeln, „natürlich müssen wir die Einzelheiten vorher bei einem gemütlichen Abendessen unter vier Augen besprechen.“ Sie hing sich bei ihm ein und verabschiedete sich von Jensen, Jared und dem Chief mit einem verschwörerischen Augenaufschlag. „Und was lernen wir daraus? Wir täten alle besser daran Uniform zu tragen oder zumindest eine Rennfahrerkluft“, meinte Jared. „Ich hab noch einiges zu erledigen Männer“, O’Rourke nickte kurz und ging hinüber zum SWAT-Team. Jensen seufzte, „alle kriegen was sie verdienen. Lester verpufft in den Hollywood Hills. Seine Freunde bei der Polizei und beim Stadtrat bekommen Zimmer mit Aussicht hinter schwedischen Gardinen, Joy und ihr harter Junge üben demnächst Nahkampf auf der Matratze und was tun wir?“ „Wir könnten die Nonne besuchen, die würde sich sicher ihren Allerwertesten abfreuen.“, feixte Jared, „und wir könnten dem alten Jensen ein paar Pornohefte mitbringen.“ „Du hast aber abartige Vorstellungen von einem Samstagabend“, lachte Jensen. „Denkst du Dr. Warren hätte Lust mit uns beiden, na ja du weißt schon?!“ „Ice, ich bitte dich. Du könntest doch nie mit mir mithalten“, gab Jared lachend zurück. Dafür boxte ihn Jensen leicht in die Seite. Jared warf einen Blick auf seinen Organizer, „Bingo, Trish hat heut wieder ne heiße Party laufen. Wie wär’s?“ Jensen bekam glänzende Augen, „aber vorher müssen wir uns noch stylen.“ „Stylen? Ice, ich denke ich muss die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben, aus dir nen echten Gent zu machen.“ „Solange ich mir nicht die Haare wachsen und so ein dämliches Mützchen wie du sie immer trägst, tragen muss …“ Lachend legten sie sich gegenseitig die Hand auf die Schulter und beobachteten den spektakulären Sonnenuntergang. [center]THE END[/center]
Posted on: 2/6 19:15
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